3. Theoretische Grundlagen

Empirie

Die theoretische Grundlage dieser Handreichung beruht auf den Erfahrungen der BeraterInnen, TherapeutInnen und Ehrenamtlichen, die mit lesbischen Frauen, die in ihrer Partnerschaft Gewalt und Missbrauch erfahren haben, arbeiten.

Eine nationale Untersuchung der lesbischen Fachberatungsstellen in Deutschland von 2002-2004 zeigt, dass ca. 8-10% aller Beratungsfälle von Diskriminierungserfahrungen aufgrund der sexuellen Orientierung, Gewalt und Missbrauch handeln (Broken Rainbow 2006). Es ist anzunehmen, dass das dokumentierte Ausmaß in den europäischen Ländern variiert, und zwar entsprechen a) des rechtlichen Status von Lesben, Schwulen, Transgender und Bisexuellen, b) der Anzahl von LGBT spezifischen Anlaufstellen und c) dem Grad der Vernetzung. Die rechtliche Situation von Lesben, Schwulen und Transgender in Deutschland ist weniger stark wie in Nordeuropa, aber besser als in einigen süd- und osteuropäischen Ländern. Allerdings garantieren starke Rechte keine gesellschaftliche Akzeptanz, d.h. dass diese den sozialen Status von Lesben, Schwulen, Transgender und bisexuellen Menschen nicht widerspiegeln. Betrachtet man den rechtlichen Status und das gesellschaftliche Klima gegenüber Homosexuellen und transgender Menschen, scheint Deutschland im europäischen Vergleich Mittelmaß zu sein.

Da wir keine europäischen Daten über das Ausmaß der häuslichen Gewalt oder über die Erfahrungen der Fachberatungsstellen finden konnten, werden wir uns nachfolgend auf das Datenmaterial aus Deutschland beziehen. Auch gehen wir davon aus, dass Deutschland hinsichtlich der rechtlichen und sozialen Situation von lesbischen Frauen sich im europäischen Mittelfeld befindet. Die nationale Studie der lesbischen Fachberatungsstellen in Deutschland zeigt, dass es sich in ca. 50% der Fälle, die unter Diskriminierung, Gewalt, Missbrauchen gesammelt wurden, um häusliche Gewalt handelt. Broken Rainbow definiert „häusliche Gewalt“ als systemische, wiederholte Übergriffe sowie einzelne Vorfälle von Missbrauchen und/oder physischer und psychischer Gewalt, die von der gegenwärtigen Partnerin, der ehemaligen Partnerin, Mitgliedern der Herkunftsfamilie und männlichen ehemaligen Partnern verübt werden (Broken Rainbow 2006).

In Fällen häuslicher Gewalt in der bestehenden Partnerschaft wünschen diejenigen Frauen, die eine LGBT Fachberatungsstellen aufsuchen, eine Beratung. Am zweithäufigsten wird nach Paarberatung gefragt und an dritter Stelle steht die Telefonberatung. In der Paarberatung suchen die Partner Unterstützung für die Lösung „paarinterner Probleme“: Erfahrungen von Gewalt und/oder Missbrauchen werden in der Regel erst später im Beratungsprozess benannt. Das bedeutet, dass keine der Partnerinnen ihre Erfahrung als „Missbrauch“ oder „Gewalt“ erachtet und sich daher auch nicht dessen bewusst ist, entweder Opfer geworden zu sein oder aber diese Handlungen zu begehen.

Die Beraterin begegnet drei Arten von Klientinnen: diejenige, die Gewalt/Missbrauchen erlebt haben, diejenigen, die Gewalt/Missbrauchen verüben und schließlich diejenigen, die ihre Erfahrungen nicht benennen. 

Wenn eine Beratungsstelle aufgesucht wird, hat die Schwere der Gewalt bereits zugenommen: Die Klientinnen suchen dann eine Beratungsstelle auf, wenn sie physische oder sexualisierte Übergriffe erlebt haben. Nicht-physische Formen von Gewalt gehen in der Regel mit physischen Attacken einher. In nur sehr wenigen Fällen wird eine Beratung aufgrund von alleine psychischen Übergriffen gewünscht. Auch suchen die Klientinnen nur selten in der Trennungsphase einer Beziehung die Beratungsstelle auf oder möchten sich mit Hilfe der Beratung trennen; in den meisten dokumentierten Fällen sind die Gewalt und der Missbrauch Bestandteil der gegenwärtigen Beziehung.

Die BeraterInnen begegnen drei wesentlichen Problemen:

  • Welche Gewaltdynamik liegt vor und wie sind die Partnerinnen darin verstrickt?
  • Wer ist Opfer und wer ist Täterin?
  • Ambivalentes Verhalten des Opfers

Die Analyse der Beratungsfälle zeigt, dass oftmals beide Partnerinnen aktiv in das gewalttätige Geschehen involviert sind. In einigen Fällen kann kein Opfer bestimmt werden, in anderen agiert das Opfer selbst aggressiv. Zudem betrachten sich die meisten Frauen als „Opfer“, d.h. sie nehmen die Situationen derart wahr, dass sie unter der Gewalt ihrer Partnerin leiden. Andere wiederum fühlen sich durch das Verhalten ihrer Partnerin „provoziert“. Eigene Aggressionen werden verleugnet und die Verantwortung für das eigene Tun wird nicht übernommen. Wenn häusliche Gewalt/Missbrauch Bestandteil der gegenwärtigen Beziehung ist, ist der vordringliche Wunsch an die Beratung, die Beziehung aufrecht zu erhalten. In Fällen von verbalem und psychischem Missbrauch (Zwang, Herabsetzungen usw.) sind sich die Partnerinnen möglicherweise nicht bewusst, was sie tun, weil sie „Gewalt“ nur als körperliche Übergriffe ansehen. Schließlich zeigen auch diejenigen Frauen, die als Opfer charakterisiert werden können, ein hohes Maß an ambivalenten Verhalten, beispielsweise brechen sie die Beratung wiederholt ab, sie kehren zu ihren gewalttätigen und missbräuchlichen Partnerinnen zurück oder können diese nicht gehen lassen. Die Gründe können zum Beispiel in verinnerlichter Homophobie („Ich verdiene es nicht besser.“), Isolation („Ich werde keine andere Frau mehr kennenlernen.“), Community Werten (weibliche Aggression ist ein erwünschtes und positiv besetztes Verhalten) oder in der Selbsterfüllung (das Opfer fühlt sich ihrer Partnerin gegenüber überlegen, weil sie selbst nicht gewalttätig agiert, sie bekommt die Aufmerksamkeit und Fürsorge, die sie sich wünscht, usw.) liegen.

Die Erfahrungen der BeraterInnen, PsychotherapteutInnen und Ehrenamtlichen wurde von der Projektleiterin Constance Ohms strukturiert und weiterentwickelt. Die wesentlichen Ergebnisse ihrer Untersuchung werden nachfolgend vorgestellt.

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