3. Theoretische Grundlagen

... Fortsetzung
© Constance Ohms, 2008

Ziel der Untersuchung

Ziel meiner Untersuchung war, die komplexen Dynamiken und die Multidimensionalität der Gewalt in Intimpartnerschaften zwischen Frauen zu analysieren. Der Analyse liegt eine erweiterte Definition von Gewalt zugrunde, die physische Übergriffe, sexualisierte Gewalt, psychischen und verbalen Missbrauch, kontrollierendes Verhalten und Zwang beinhaltet.

Forschungsdesign und Forschungsergebnisse

In 2002 und 2003 habe ich 20 qualitative Interviews mit lesbischen Frauen durchgeführt, die Gewalt in ihrer Beziehung erfahren haben. Die Interviews waren semi-strukturiert und fokussiert. Sie dauerten zwischen 2 und 2,5 Std. Sie wurden transkribiert und in Anlehnung an die „grounded theory“ und zusätzlichen hermeneutischen Elementen analysiert.

Da der Prozess der Gewalt im Zentrum der Interviews steht, wurden keine einzelnen Vorfälle untersucht sondern vielmehr eine die Partnerschaft andauernde Zeitspanne. Die Interviews offenbarten bestimmte Dimensionen und Einflussfaktoren, die zu der Entwicklung eines missbräuchlichen und gewalttätigen Verhaltens beigetragen haben könnten, so beispielsweise

  • die Lebensgeschichte der interviewten Frauen,
  • Wünsche und Hoffnungen an eine (lesbische) Beziehung,
  • Wahrnehmung der Partnerin und der Partnerschaft,
  • Prozess der Gewalt,
  • Muster der Gewalt,
  • Umgang mit der verübten Gewalt.

Ausgestaltung der Dimensionen

Bedürftigkeit

Die Analyse offenbart ein hohes Maß an Bedürftigkeit der gewalttätigen und missbräuchlichen Frauen; sie möchten bedingungslos geliebt, umsorgt und beschützt werden. Mit ihrer Bedürftigkeit geht der Wunsch nach „Einssein“ mit der Partnerin einher, was zu einer Auflösung der Ich-Grenzen führt. In einigen gewalttätigen Dynamiken wird die Gewalt genutzt, um der Auflösung der Ich-Grenzen entgegenzuwirken.

Unsichere Bindungsrepräsentation

 Alle Frauen weisen Aspekte einer unsicheren Bindungsrepräsentation auf. Das bedeutet, dass die Balance zwischen Nähe und Autonomie gestört ist. Es gibt eine deutliche Diskrepanz zwischen den Erwartungen und Wünschen, die die interviewten Frauen an eine Partnerschaft haben und deren aktuelle Verwirklichung.

Erfahrung von Missbrauch/Gewalt in der Lebensgeschichte

Alle interviewten Frauen (Opfer und Täterinnen) berichten von einschneidenden oder sogar traumatischen Erfahrungen in ihrer Lebensgeschichte. Diese reichen von emotionaler und sozialer Vernachlässigung über physische Misshandlungen bis zu sexueller Ausbeutung. Mit diesen Erfahrungen geht eine Missachtung physischer und emotionaler Grenzen einher, die Unfähigkeit, die Grenzen anderer zu respektieren und schließlich der Glaube, dass man nur in grenzenloser Liebe respektiert wird. Die Erfahrung von Missbrauch und Gewalt in der Lebensgeschichte scheint das Risiko, Gewalt zu erfahren, zu erhöhen – sei es als Opfer oder aber als Täterin. Diese Erfahrungen tragen auch dazu bei, Gewalt als etwas „normales“ anzusehen, d.h. als „normalen“ Bestandteil einer Beziehung.

Kontrolle/Kontrollverlust

Alle Frauen, die Gewalt verübt haben, berichten, dass sie im aktuellen Moment der Gewaltausübung das Gefühl hatten, keine Kontrolle zu haben. Sie beschreiben ihr Verhalten als „Vulkanausbruch“, „Krankheit“, oder „psychische Störung“. Auch wenn ihr „Ausbruch“ wiederholt erfolgt, scheint sich ihre Fähigkeit, ihr Verhalten zu kontrollieren, nicht zu verbessern; vielmehr nehmen sie sich erneut als machtlos wahr und folgen gewohnten Mustern.

Kontrolle/Ausübung von Kontrolle

Auch wenn sich die missbräuchlichen/gewalttätigen Frauen in der Situation als hilflos wahrnehmen, üben sie sehr wirkungsvoll Kontrolle aus, indem sie a) entweder ein direkt kontrollierendes Verhalten ausüben oder b) durch die Angst der Partnerin.

Abmilderung des gewalttätigen Verhaltens

Alle Frauen mildern ihr gewalttätiges Verhalten ab und betrachten ihre Partnerinnen als „ebenbürtige Konfliktpartnerinnen“. Sie glauben, dass ihr Verhalten durch ihre Partnerin verursacht wird und dass sie sich nicht derart verhalten würden, wenn ihre Partnerinnen ihr Verhalten ändern würden. Im Gegensatz zu der abmildernden Darstellung des eigenen Verhaltens wird dasjenige der Partnerin oftmals in brutaler/aggressiver Sprache beschrieben, beispielsweise „in die Fresse hauen“.

Gefühle von Schuld und Scham

Einige der interviewten Frauen zeigen Gefühle von Schuld und Scham, andere wiederum nicht. Je mehr sich eine Frau als Täterin wahrnimmt, desto eher tauchen Gefühle von Schuld und Scham auf. Je komplexer eine Gewaltdynamik ist und je mehr beide Partnerinnen darin aktiv verstrickt sind, desto seltener tauchen diese Gefühle auf.

Substanzmittelmissbrauch (vor allem Alkohol und Tabletten)

Alkohol- und Substanzmittelmissbrauch scheint nur in einer bestimmten Gewaltdynamik von Bedeutung zu sein, diejenige die als Täterin-Opfer-Beziehung beschrieben werden kann. Wie auch immer, sowohl Täterin als auch Opfer missbrauchen Substanzmittel/Drogen und zum gegenwärtigen Stand der Forschung kann keine eindeutige Beziehung zwischen der Ausübung von Gewalt und Alkohol- und/oder Substanzmittelmissbrauch hergestellt werden. Zudem kann es eine Verbindung zwischen Strategien des Umgangs mit homophoben Erfahrungen und Substanzmittelmissbrauch geben. Was ich aus meinem jetzigen Forschungsstand sagen kann ist, dass einige Täterinnen bewusst Alkohol zur Vorbereitung von Gewalt einsetzen und auch die Erfahrungen der Partnerinnen mit Alkohol- und Drogenmissbrauch, um diese zu bedrohen und zu kontrollieren. In anderen Fällen können die Partnerinnen Drogen nehmen, zum Beispiel Marihuana rauchen oder Alkohol übermäßig konsumieren, ohne dass dies einen Einfluss auf die Beziehung und ihre Dynamik hat.

Verinnerlichte Homophobie

Die meisten interviewten Frauen teilen die Erfahrung der Ablehnung ihrer psychosexuellen Identität, sei es direkt oder indirekt. Das heißt, sie waren entweder selbst Ziel einer homophoben Attacke oder aber waren Zeuginnen dessen. Es muss angenommen werden, dass lesbische Frauen, die in einer Gesellschaft leben, die nach wie vor Teile ihrer Identität ablehnt, diese Werte selbst verinnerlicht haben – es gibt keine lesbische Frau ohne verinnerlichte Homophobie. Verinnerlichte Homophobie kann bis zu Selbsthass reichen, der auf die Partnerin übertragen wird, denn diese spiegelt die abgelehnte „Lebensweise“ wider; oder aber sie wird gegen sich selbst gerichtet. Beide Möglichkeiten können zu einer gewalttätigen Beziehungsdynamik führen oder aber diese festigen.

Lesbische Community/Subkultur

Subkulturen entstehen aus Marginalisationsprozessen. Die Mitglieder einer Subkultur streben in der Regel danach, Teil der dominanten Kultur zu werden. Zugleich entwickeln die Subkulturen aber auch eigene Werte, die anfänglich Reaktionen auf Marginalisation und Ausschluss waren, aber sich dann unabhängig weiterentwickelten und schließlich einen ‚ethischer Rahmen’ der Subkultur bilden. In der Regel schweigen die lesbischen Communities über das Phänomen der Gewalt und des Missbrauchs in lesbischen Partnerschaften. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt wurden keine Werte entwickelt, die gewalttätiges Verhalten in der Subkultur betreffen. Die Erfahrungen im Bereich der männlichen, heterosexuellen Täter zeigt jedoch eindringlich, dass die ‚Community response’, d.h. wie sich Gesellschaft und soziales Umfeld positionieren, von großer Bedeutung ist. Daher zeigt die Tabuisierung der Gewalt in lesbischen Partnerschaften innerhalb der Subkultur eine ähnliche Wirkung wie die „normverlängernde Wirkung“ gesellschaftlicher Werte, die die Gewalt von Männern erklärt. Das Schweigen führt zu einer Bestätigung von/Zustimmung zu der verübten Gewalt und lesbische Täterinnen sind daher nicht aufgefordert, ihr Verhalten zu ändern. Mehr noch, in einigen lesbischen Communities wird die Fähigkeit, Gewalt auszuüben als „feministisch“ betrachtet, da diese Frauen ihre weibliche Sozialisation überwunden hätten. Während Täterinnen als progressive Frauen betrachtet werden, verbleibt das Opfer in seiner weiblichen Rolle – und verdient daher keine Unterstützung.

Dynamiken als Ergebnis von Interaktion

Um die Komplexität der Gewalt in lesbischen Beziehungen beschreiben zu können, ist es notwenig, beide Partnerinnen in die Analyse einzubeziehen, d.h. die Beziehung als ein kleines soziales System zu betrachten, welchen von gesellschaftlichen und subkulturellen Werten durchdrungen ist, aber auch beziehungsinterne Werte und Fantasien/Mythen (Wunschvorstellungen) hat. Die Interviewanalysen offenbaren hier komplementäre Strukturen die als Interaktion beschrieben werden können. Interaktion bedeutet sowohl eine verbale als auch eine nonverbale Kommunikation, ihre intrinsischen Wünsche, Fantasien über die Partnerschaft, Erwartungen an die Partnerin usw. In den Interviews offenbarten beide Partnerinnen ihre Erwartungen, Hoffnungen Wünsche an die Partnerin, ihre Enttäuschungen und schließlich die Entwicklung eines gewalttätigen Prozesses und ihre subjektiven Interpretationen.

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