1.1 Definitionen

Definitionen und Erläuterungen zu Aggressionen finden sich vor allem in der Psychologie und Sozialpsychologie. Theorien zu Aggressionen befassen sich meist mit dem individuellen Verhalten und seinen Einflussfaktoren. Im Gegensatz dazu finden sich Theorie zu Gewalt vorrangig in der Soziologie. Diese fokussieren auf die gewalttätige Handlung an sich und/oder ihren gesellschaftlichen Kontext.

In den Aggressionstheorien wird diese als eine habituelle (gewohnheitsmäßige) aggressive Haltung verstanden, d.h. dass diese als Aspekt der Persönlichkeit oder des individuellen Charakters erachtet wird. Auch wenn es keine einheitliche Definition von Gewalt gibt, gehen die TheoretikerInnen im Grundsatz davon aus, dass es sich hier um ein zerstörerisches Verhalten handelt, welches sich gegen einen Organismus richtet.

Aggressionstheorien befassen sich vor allem mit der Ätiologie aggressiven Verhaltens. Es finden sich vier Erklärungsmodelle: intra-individuelle, inter-personale, inter-gruppale und schließlich ideologische Ansätze. Während bei dem intra-individuellen Ansatz Aggression als Bestandteil der individuellen Persönlichkeit betrachtet wird, wird sie in dem inter-personalen Ansatz als Kommunikationsproblem und als Konflikt zwischen Individuen erachtet. Der dritte Ansatz wiederum verbindet individuelle und soziologische Erklärungsmodelle, in dem er Aggression im Kontext von inter-gruppalen Dynamiken betrachtet. Aggression trägt dazu bei, Gruppenidentitäten zu formen und zu stärken. Der vierte Ansatz findet sich in der Sozialpsychologie, in der das individuelle Verhalten als in einen sozialen Kontext eingebettet betrachtet wird. Dieser unterstützt oder legitimiert sogar bestimmte aggressive Verhaltensweisen.

Es wird angenommen, dass die gleichen Gründe, die ein aggressives Verhalten auslösen auch zu gewalttätigem Verhalten führen.

Es gibt verschiedene Ansätze, zwischen Gewalt und Aggression zu unterscheiden. Einige Theoretiker/innen argumentieren, dass Aggression die emotionale Ebene beschreibt, während Gewalt den eher funktionalen Aspekt eines bestimmten Verhaltens umfasst. In der Literatur werden allerdings beide Begriffe häufig synonym verwendet.

Im Gegensatz zur Aggression, ist die Definition von Gewalt häufiger Gegenstand historischer Veränderungen und durch Kultur und gesellschaftliche Werte beeinflusst. Die Definitionen reichen von einer alleinigen Verletzung des Körpers bis hin zu der Idee der „strukturellen Gewalt“ (J. Galtung 1975). Strukturelle Gewalt liegt nach Galtung dann vor, wenn die aktuelle somatische und geistige Verwirklichung gegenüber dem potentiell Möglichen eingeschränkt ist. Folglich werden direkte und indirekte Diskriminierung auch als Aspekt von Gewalt erachtet.

Häusliche Gewalt

Gewalt im sozialen Nahraum wird entweder als „häusliche Gewalt“ oder „familiale Gewalt“ bezeichnet. Die „familiale Gewalt“ legt ihr Augenmerk auf die Familie. Sie umfasst sowohl intergenerationale Gewalt als auch Misshandlungen innerhalb der Partnerschaft. In diesem Ansatz wird Gewalt als Symptom/Ergebnis einer dysfunktionalen Familiendynamik betrachtet. Im Gegensatz dazu umfasst die „häusliche Gewalt“ verschiedene Beziehungsbezüge neben der Herkunftsfamilie, geht aber nach wie vor davon aus, dass die Betroffenen zusammen leben. „Häusliche Gewalt“ umfasst verschiedene Beziehungskonstellationen, wie z.B. Gewalt in der Partnerschaft, in Wohngemeinschaften oder aber intergenerationale Gewalt wie Gewalt gegen ältere Menschen. Im Gegensatz zur „familialen Gewalt“ legt die „häusliche Gewalt“ ihren Fokus verstärkt auf den Täter/Angreifer und seinen sozialen Kontext: Die Gründe für die Gewaltausübung werden entweder in der individuellen Lebensgeschichte und/oder in einem sozialen Kontext, der gewalttätiges Verhalten befördert oder behindert, gesehen. Der besonders hervorgehobene gesellschaftliche Kontext ist das Geschlechterverhältnis und seine Definitionen von „männlich“ und „weiblich“.

„Häusliche Gewalt“ umfasst im Allgemeinen „physischen, sexuellen, psychischen, emotionalen oder finanziellen Missbrauch von einem Menschen an dem/der gegenwärtigen oder ehemaligen PartnerIn in einer nahen Beziehung, oder aber gegen ein gegenwärtiges oder ehemaliges Familienmitglied“ (Definition des British Crown Prosecution Service 2006). Da in Großbritannien Erwachsene als Personen über 18 Jahren erachtet werden, umfassen Fälle von häuslicher Gewalt nicht die Gewalt von Heranwachsenden gegenüber ihren Eltern oder umgekehrt. Im Regelfall wird Kindesmisshandlung nicht unter häuslicher Gewalt gefasst.

Nichtsdestotrotz erfahren viele junge Homosexuelle und transgender Menschen Gewalt durch ein Mitglied ihrer Herkunftsfamilie: So sperrten beispielsweise Eltern ihre heranwachsende Tochter in ihr Zimmer ein und nahmen ihr das Mobiltelefon weg, um so den Kontakt zu ihrer lesbischen Partnerin zu unterbinden. Obgleich das gewalttätige Verhalten der Eltern auf Homophobie beruht und daher als „Hassverbrechen“ definiert werden könnte, muss es als „häusliche Gewalt“ beschrieben werden, weil die Gewalt von einem Familienmitglied ausgeht. Häusliche Gewalt kann auch aus homophoben Gründen verübt werden.

Weder der Ansatz der „familialen Gewalt“ noch derjenige der „häuslichen Gewalt“ scheinen den gesellschaftlichen Veränderungen, wie Menschen zusammenlegen, wie sie ihre Beziehungen und ihr Leben gestalten, gerecht zu werden. In Europa haben sich die traditionellen Vorstellungen von Familie radikal verändert, die PartnerInnen wohnen nicht notwendigerweise zusammen, die PartnerInnen sind nicht verheiratet, haben keine Kinder, leben in „Patchwork Familien“ oder haben das gleiche Geschlecht. Es gibt immer weniger Mehrgenerationshaushalte und ältere Menschen stehen nicht notwendigerweise in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zu den anderen Erwachsenen in ihrem Wohnumfeld. Zudem verschleiern beide Begrifflichkeiten den Täter/die Täterin der Gewaltausübung.

Unsere Handreichung bezieht sich auf Gewalt in der Partnerschaft, wobei diese im Regelfall durch die gegenwärtige oder ehemalige Partnerin verübt wird. Das umfasst sowohl männliche als auch weibliche ehemalige Partner/innen.

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Gefördert von: und
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

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