5.2 Geschlechterverhältnis

VertreterInnen dieses Erklärungsmodells gehen den Fragen der hohen Prävalenz von häuslicher Gewalt, der überwiegenden Mehrheit männlicher Täter und weiblicher Opfer, einer geringen Sanktionsrate und dem gesellschaftlichen Hintergrund der Einstellung des Täters hinsichtlich seiner gewalttätigen Handlungen nach (z.B. Walker 1979, Sonkin/Martin/Walker 1985, Walker 1990, Godenzi 1996, Hageman-White 1997, Brückner 2002). In dem geschlechtsmarkierten Erklärungsmodell werden Misshandlungen als Teil breiter gesellschaftlicher Normen und Praktiken angesehen, die Frauen in institutionalisierten und in individuellen Beziehungsgefügen unterwerfen und unterdrücken. Folglich stellten Misshandlungen ein gesellschaftliches und kein individuelles Problem dar. Frauen und Männer üben ein ‚soziales Geschlecht’ (gender) aus: Gewalttätiges Verhalten ist erworben und verwoben mit Präsentationen von Männlichkeit und Weiblichkeit (Godenzi 1996). Zudem wird die Aggression von Männern nur sehr selten negativ sanktioniert. Diese Sanktionsschwäche stärkt deren Einstellung gegenüber Misshandlungen as eine positive Demonstration ihrer Männlichkeit. In diesem Modell wird die Stellung der Frau beschrieben als a) Opfer und b) als eine, die komplementäre Strukturen unterstützt, d.h. Männer und Frauen stärken gegenseitig das „überschreitende, unkontrollierte und zugleich kontrollierende Verhalten des Mannes und das hinnehmende, paralysierte Verhalten der Frau“ (Brückner 2002).

Das Erklärungsmodell der Gewalt im Geschlechterverhältnis beruht auf der kognitiven Verhaltenstheorie, die davon ausgeht, dass gewalttätiges Verhalten erworben und durch gesellschaftliche Normen und Werte befördert wird. Häusliche Gewalt ist demnach eine komplexe Kombination von Gedanken und Einstellungen und offenen Verhaltensweisen, die erworben sind und für den Täter bestimmte psychosoziale Funktionen haben, z.B. seine Männlichkeit und seine männlichen Privilegien zu bestätigen.

Auf Grundlage dieses Erklärungsmodells haben sich lokale und nationale Interventionsnetzwerke gebildet, in denen staatliche Einrichtungen wie Jugend- und Sozialamt, Gerichtsvollzieher, Polizei und Staatsanwaltschaft gemeinsam mit Frauenhäusern, Frauennotrufen, VertreterInnen des Gesundheitssystems und vielen anderen gemeinsam gegen häusliche Gewalt vorgehen. Es wird angenommen, dass mit der Koordination verschiedener  Einrichtungen in ihrem Bestreben, misshandelte Frauen zu schützen und die Täter zur Verantwortung zu ziehen, bessere Erfolge erzielt werden als durch ein unkoordiniertes Vorgehen. Ein gemeinsames Vorgehen gewährleistet, dass das System schneller und besser für die Opfer arbeitet, dass die Opfer geschützt werden und die Unterstützung erhalten, die sie benötigen, und dass die Täter in die Verantwortung genommen und ihr missbräuchliches Verhalten beenden. Ein koordiniertes „Community Response“ Programm (Gesellschaftliche Antwort) bestärkt oftmals die ganze Gemeinschaft in ihren Bemühungen, gesellschaftliche Werte und Einstellungen, die zu häuslicher Gewalt betragen, zu verändern. Auch wenn das Hauptaugenmerk auf dem Opferschutz liegt (vor allem Frauen), wurden soziale Trainingskurse  für Täter entwickelt, in denen Elemente eines kognitiven Verhaltenstrainings mit der feministischen Analyse des gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisses verknüpft werden.

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