1. Gewalt und häusliche Gewalt

Es gibt keine einheitliche Definition von Gewalt. Die jeweiligen Definitionen reflektieren gesellschaftliche Werte, die von historischen und kulturellen Veränderungen beeinflusst sind. Auch werden Definitionen von philosophischen, rechtlichen, soziologischen und kriminologischen Debatten beeinflusst. Diskussionen um Gewalt bedeuten, ein Tabu zu diskutieren – das Tabu, Gewalt auszuüben. Daher beschreiben Definitionen gesellschaftlich akzeptierte und gesellschaftlich nicht akzeptierte Verhaltensweisen, und weiterhin die Schwelle der staatlichen Intervention, um die gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten. In Europa gibt es inzwischen eine Tendenz dahingehend, nicht-physische Formen von Gewalt als solche zu akzeptieren. Beispielsweise zielen die meisten Stalking Aktivitäten nicht auf den Körper einer Person,  sondern deren Psyche. Dennoch ist Stalking jetzt in einigen europäischen Ländern kriminalisiert worden.

Einige Theoretiker (z.B. von Trotha 2000, Sofsky 2001) beschreiben Gewalt derart, dass sie für jede einzelne Person jederzeit zugänglich ist, d.h. losgelöst von einer bestimmten Situation und letztendlich auch einem Grund. Dadurch wird Gewalt zu einem unvorhersehbaren individuellen Verhalten. Die Individuen verhalten sich unterschiedlich, auch wenn sie die gleiche Motivation teilen oder aber umgekehrt, handeln auf die gleiche Art und Weise bei unterschiedlichen Motivationen. Die Umstände, unter denen eine Tat begangen wird, sind weder ihre Gründe oder Bedingung, noch hinreichende Ursachen für die Ausübung von Gewalt. Dieser „genuine“ Ansatz führt zu der Schlussfolgerung, dass Gewaltprävention sinnlos ist.

Andere Theoretiker wiederum gehen davon aus, dass es fördernde und hindernde Umstände gibt, die gewalttätiges Verhalten beeinflussen. Diese Umstände sind jedoch nicht seine Gründe. Beides, Gründe und Umstände bilden Grundlage einer Gewaltprävention. Nach Foucault (1977) ist die Rechtsprechung einen wesentlichen Baustein in der Kriminalitätsprävention, und insbesondere das Bewusstsein einer Strafe. Die wesentliche Aufgabe von Strafe ist die Prävention. Bestrafung selbst stellt jedoch auch eine Form von Gewalt dar, da es die physische Mobilität der Verurteilten einschränkt (Inhaftierung), oder wie in den Vereinigten Staaten von Amerika deren Leben vernichtet (Todesstrafe). Deshalb ist es notwendig, zwischen legalen und illegalen Formen der Gewalt zu unterscheiden. Legale Gewalt wird vom Staat ausgeübt, während illegale Gewalt von Individuen ausgeht.

Geschlechtsspezifik von Gewalt

Sofern man Individuen betrachtet, erscheint Gewalt als unvorhersehbar, grundlos und für jede/n zugänglich. Dennoch ist nach von Trotha Gewalt eine Sache der männlichen Jugend, „die Antithese zu Weiblichkeit, Kindheit und Alter“. Das bedeutet, dass Frauen nicht den gleichen Zugang zu Gewalt haben wie Männer. Dieser Umstand verleitet zu Annahmen,  beispielsweise dass Frauen keine Gewalt verüben oder aber nicht-physische Formen von Gewalt nutzen. Beide Annahmen werden zudem durch die weiblichen Sozialisation gestützt, die die Gewaltfreiheit von Frauen betont,  da Gewalt in Widerspruch zur Vorstellung von Mütterlichkeit steht. Jüngere Forschung zu Jugend- bzw. Mädchengangs zeigt jedoch auch, dass dieser besondere Aspekt von Geschlechtlichkeit in der u.a. von Trotha proklamierten Stringenz nicht mehr zu halten ist. Junge Frauen gebrauchen körperliche Gewalt, um Konflikte zu lösen. Zudem, auch wenn es sich hier um eine Minderheit, um eine Ausnahme von der Regel handelt, töten oder misshandeln Frauen ihre Kinder, misshandeln ihren Partner oder verüben andere kriminelle Handlungen. Trotzdem, in den Gefängnissen sitzen achtmal mehr Männer als Frauen ein.

Frauen sind möglicherweise weniger gewalttätig und verüben weniger kriminelle Handlungen als Männer, dennoch verüben sie Gewalttaten und Kriminalität. Daher stellt sich die Frage, warum und wann Frauen die geschlechtsrollenbezogene Grenze der gesellschaftlichen Ordnung überschreiten und gewalttätig werden. Wir hoffen, mit dieser Handreichung einer Antwort näher zu kommen.

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