5.3 Intersektionalität

Das Paar als kleines soziales ‚System’

Paare bilden das kleinste soziale System einer Gesellschaft. Das System ‚Paar’ steht dabei in Wechselwirkung mit anderen sozialen Systemen bis zu dem größten, der Gesellschaft. Ein Paar wird durch inter-personale Dynamiken und gesellschaftliche Werte und Normen geformt. Ein Paar organisiert sich mittels verschiedenen Formen der Interaktion (Wechselwirkung der Individuen). Folglich ist die Interaktion Kern der inter-personalen Dynamik; ihre wesentlichen Bestandteile sind verbale und nonverbale Kommunikation. Das bedeutet, dass ein „Nicht-Kommunizieren“ auch eine Form der Kommunikation darstellt. In einer Kommunikation werden sowohl individuelle Erwartungen als auch gesellschaftliche Werte über Weiblichkeit und Männlichkeit transportiert. Daher ist es zwingend notwendig, individuelles Verhalten vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Werte und Normen zu untersuchen – und deren Wechselwirkungen näher zu betrachten. In einem interaktionistischen/systemischen Modell finden sich verschiedene Strömungen, die auf bestimmte ‚Systeme’ fokussieren, von einer Familientherapie, die die Herkunftsfamilie im Blick hat bis hin zur Verknüpfung von individuellen und geschlechtsspezifischen Ansätzen.

Konflikte sind ein Aspekt von Kommunikation. Aber während in einem Konflikt die TeilnehmerInnen versuchen, das ‚System’ aufrecht zu erhalten, zielt Gewalt auf seine Zerstörung ab. Häusliche Gewalt findet in einer inter-personalen Beziehung statt, in der beide Parteien teilnehmen. Daher ist es notwendig, die inter-personale Dynamik zu analysieren, die eine bestimmte Struktur in der Partnerschaft etabliert und schließlich zu der Ausübung von Gewalt führt. Das beinhaltet individuelle Erwartungen, Hoffnungen, Wünsche, Enttäuschungen, die individuelle Lebensgeschichte sowie Einstellungen gegenüber Geschlecht und der sozialen Ordnung.

Betrachtet man die Interaktion des Paares näher, werden verschiedene gewalttätige Prozesse sichtbar: In einer Täter-Opfer Struktur ist es möglich, zwischen Täter und Opfer zu unterscheiden, wobei das Opfer entweder a) die Gewaltdynamik unterstützt in dem es beispielsweise dem Täter verzeiht, ihn/sie nicht verlässt, die Abhängigkeit aufrecht erhält oder b) die Gewaltdynamik nicht unterstützt, indem sie beispielsweise versucht, sich zu trennen. Alle Opfer zeigen Angst, die nicht auf eine bestimmte Situation begrenzt ist, sondern ihr tägliches Leben bestimmt. Sie versuchen, ihr Verhalten zu ändern um weitere Gewalt zu verhindern und sind bemüht, den Partner/die Partnerin zu befrieden. Im Gegensatz dazu zeigen in dem zweiten Typus gewalttätiger Beziehungsdynamiken, dem „Akteurinnen-Modell“, keine der Partner/innen Angst, die ihr alltägliches Leben bestimmt. Es gibt wenigstens zwei Unterkategorien, bidirektionale Gewaltverläufe und das Wiederbeleben traumatischer Erfahrungen durch beide PartnerInnen. Es kann angenommen werden, dass in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mehr bidirektionale Gewaltverläufe zu finden sind als bei heterosexuellen Paaren, während dem gegenüber dort mehr Täter-Opfer-Bezüge zu finden sind (vgl. Ohms 2008).

Ein soziologischer Blick auf das System ‚Paar’ unterscheidet sich von dem der systemischen Psychotherapie. Auch wenn es hier Überschneidungen gibt, können sich die Haltungen hinsichtlich Paaren und insbesondere Paarberatung oder Paartherapie unterscheiden. Auch finden sich unterschiedliche Definitionen von Interaktion. Interaktion bedeutet hier die verbale und nonverbale Kommunikation, die in einen sozialen Kontext eingebettet ist. Kommunikation beinhaltet individuelle und kulturelle Einstellungen sowie deren Ausdrucksformen. Folglich kann die Art, wie eine Partnerschaft durch beide PartnerInnen und die Kultur geformt wird als Form der Interaktion beschrieben werden.

Intersektionalität

Untersuchungen zeigen, dass in gewalttätigen Beziehungsdynamiken Unterschiede im Sinne von Ungleichheiten, die mit Gefühlen von Unter- bzw. Überlegenheit einhergehen, von grundsätzlicher Bedeutung sind. Einige dieser Ungleichheiten werden durch die hierarchische Gesellschaftsordnung ermöglicht, so aufgrund des Geschlechts, der Rasse oder der Zugehörigkeit zu einer bestimmen Gesellschaftsschicht. Kann das Paar nicht auf diese vorgegebenen Hierarchien zurückgreifen, neigen die Partnerinnen in gewalttätigen Beziehungsdynamiken dazu, beziehungsinterne Hierarchien zu konstruieren, beispielsweise wer „besser“ mit der Erfahrung von sexuellem Missbrauch in der Kindheit umgehen kann. Die Annahme, dass Hierarchien Gewaltdynamiken modulieren, führt zu einem intersektionalen Ansatz, der verschieden Faktoren, die häusliche Gewalt verursachen in Erwägung zieht. Das Primat von Geschlecht als dominanter Faktor in der Erklärung häuslicher Gewalt muss daher hinterfragt werden.

Neben den Hierarchien zeigen sich weitere Risikofaktoren, die häusliche Gewalt in lesbischen Beziehungen bedingen können, die verschiedene Dimensionen aufweisen: die individuelle Lebensgeschichte, die hierarchische Gesellschaftsordnung, Normen und Werte der lesbischen Subkultur usw.

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