5.4 Kritik der skizzierten Erklärungsansätze

Der individuelle Ansatz kann nicht erklären, warum so viele Männer gewalttätig werden. Die Individualisierung von häuslicher Gewalt führt dazu, dass vor allem persönliche Dispositionen die zu aggressiven Handlungen führen wie z.B. die Lebensgeschichte, psychische Störungen, Trauma usw. untersucht werden. Die Fokussierung auf intra-psychische Dispositionen beraubt häusliche Gewalt allerdings ihres gesellschaftlichen Kontextes. Er birgt zudem das Risiko, häusliche Gewalt aus dem geschlechterspezifischen Kontext zu lösen und Gewalt quasi für jeden zugänglich erscheinen zu lassen. Die polizeilichen Kriminalstatistiken zeigen jedoch, dass Gewalt vor allem ein von Männern verübtes Phänomen ist. In Westeuropa sind zirka 20% der Tatverdächtigen Frauen (Sicherheitsbericht des Deutschen Innenministeriums 2002: 21,6%) und zirka 5%-7% der Häftlinge sind weiblich. Auch wenn ein Zuwachs an Kriminalität unter weiblichen Heranwachsenden und von Frauen, die erkennbar gewalttätig werden, zu verzeichnen ist, bleibt Gewalt weiterhin ein vor allem von Männern verübtes Phänomen.

Ein weiterer Kritikpunkt an dem individuellen Ansatz ist, dass die Fokussierung auf intra-psychische Dispositionen und eine Charakterisierung der Täter als „krank“ andere Umstände ausblendet, die gewalttätige Dynamiken befördern, so der gesellschaftliche Kontext oder die Interaktion. Schließlich trägt die Beschreibung des Täters als „krank“ auch dazu bei, dass er/sie keine Verantwortung für seine/ihre gewalttätige Handlungen übernimmt.

In dem zweiten oben beschriebenen Ansatz wird die häusliche Gewalt in einem geschlechtsspezifischen Gesellschaftskontext beschrieben, der die hierarchische Ordnung zwischen den Geschlechtern offenbart: Männer gebrauchen Gewalt, Zwang und Kontrolle um ihre Herrschaft und Macht über Frauen zu festigen und fortzuführen. In diesem Ansatz wird angenommen, dass Geschlecht der vorrangige Faktor in der hierarchischen Ordnung ist. Dadurch dass die meisten Täter männlich und die meisten Opfer weiblich sind, sind auch die Kategorien von Täter und Opfer geschlechtsmarkiert: mit Frauen zu arbeiten bedeutet folglich, Opfer zu unterstützen und mit Männern zu arbeiten, wiederum sich auf Täter zu konzentrieren.

Dennoch, die Theorie der ‚Gewalt im Geschlechterverhältnis’ kann nicht hinreichend erklären, warum nicht alle Männer gewalttätig werden. Mehr noch, die Möglichkeit der Existenz von männlichen Opfern und weiblichen Tätern wird in diesem Ansatz weitgehend ausgeschlossen. Mögliche Interessen von Frauen, die hierarchische Ordnung aufrecht zu erhalten (einschließlich ihres Status als Opfer) und ihre mögliche aktive Teilhabe werden nur selten diskutiert. In den Diskussionen zu häuslicher Gewalt wird nur selten – wenn überhaupt – die komplementäre Struktur einer Beziehung betont, in der sich das aggressive Verhalten des Mannes und das hinnehmende Verhalten der Frau ergänzt. Inzwischen wird allerdings auch in den Debatten über das Geschlechterverhältnis die Existenz unterschiedlicher Männlichkeiten und Weiblichkeiten diskutiert (Connell 2005, Dinges 2005). Ein bestimmter Typ von Männlichkeit, besonders ein sehr traditioneller, patriarchaler Typus, wird hier männlichen Tätern zugeordnet (z.B. Gräßel 2003). Es wird zudem angenommen, dass weibliche Opfer, die in einer Misshandlungsbeziehung bleiben, ebenfalls sehr traditionelle Vorstellungen von Partnerschaft haben. Zudem erleben sie in ihrer Opferwerdung eine Fürsorge durch das Opferhilfesystem. Auch das kann eine Art Selbsterfüllung sein. Schließlich kann die ‚Gewalt im Geschlechterverhältnis’ nicht hinreichend erklären, warum nicht alle Männer, die eine traditionelle Vorstellung von Männlichkeit haben, gewalttätig werden.

Schlussfolgerung

 Faktoren, die häusliche Gewalt begünstigen, sind auf der individuellen, gesellschaftlichen und subkulturellen Ebene gegeben. Die Ausübung von Gewalt ist multifaktorell bedingt, wobei das Geschlecht einen Faktor unter vielen darstellt. Weder der psychodynamische noch der geschlechtsspezifische Ansatz können häusliche Gewalt in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften erklären.

Ein intersektionaler Ansatz eröffnet die Möglichkeit, die Mehrdimensionalität von Einflussfaktoren und deren Wechselwirkungen darzustellen. Ein Paar kann als „kleines System“ beschrieben werden, wobei hier sowohl nach intra-personalen Faktoren als auch nach inter-personalen Dynamiken geschaut werden kann. Da dieses „kleine System“ in ein größeres eingebettet ist und andere Faktoren wie gemeinsame Werte einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht, Freundeskreis oder Subkultur bis schließlich zu dem sozialen System „Gesellschaft“ zu tragen kommen, müssen diese in die Analyse von häuslicher Gewalt einbezogen werden.

Das Primat von Geschlecht zur Erklärung häuslicher Gewalt in gleichgeschlechtlichen Beziehungen muss hinterfragt werden.

Literatur

Brückner, Margrit (2002a): ‚Gewalt im Geschlechterverhältnis – Möglichkeiten und Grenzen eines geschlechtertheoretischen Ansatzes zur Analyse „häuslicher Gewalt“.’ In: Göttert, Margit, Walser, Karin (Hrsg.): Gender und soziale Praxis. Königsstein/Taunus.S.15-37.

Brückner, Margrit (2002b): Wege aus der Gewalt gegen Frauen und Mädchen. 2. Aufl. Frankfurt/M. 

Connell, Robert W. (2000): Der gemachte Mann – Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. 2. Aufl. Opladen.

Gräßel, Ulrike (2003): ‚Ein „richtiger“ Mann – eine „richtige“ Frau. Die Konstruktion von Geschlechteridentitäten in häuslichen Gewaltbeziehungen’. In: Lenz, Karl (2003): Frauen und Männer. Zur Geschlechtstypik persönlicher Beziehungen. Weinheim/München, S. 161-180.

Foucault, Michel (1977): Überwachen und Strafen – Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt.

Godenzi, Alberto (1996): Gewalt im sozialen Nahraum. Frankfurt/Main. 3. erweiterte Aufl.

Godenzi, Alberto (1998): ‚Ungelöst oder unlösbar: Politische und wissenschaftliche Bearbeitung der Täterfrage’. In: Wildwasser Berlin e.V. Arbeitsgemeinschaft gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen (Hg.) (1998): Input – Aktuell zum Thema sexualisierte Gewalt. Berlin.

Gondolf, Edward W. (2002): Batterer Interventions Systems – Issues, Outcomes and Recommendations. Thousand Oaks, CA/London

Gilchrist, Elisabeth/Johnson, Rebecca et al. (Hg)(2003): Domestic violence offenders: characteristics and offending related needs. www.crimereduction.gov.uk/domesticviolence39.htm

Hagemann-White, Carol/Kavemann, Barbara/ Ohl, Dagmar (Hg) (1997): Parteilichkeit und Solidarität – Praxiserfahrungen und Streitfragen zur Gewalt im Geschlechterverhältnis. Bielefeld.

Ohms, Constance: (2008): Das Fremde in mir - Gewaltdynamiken in Liebesbeziehungen zwischen Frauen. Soziologische Perspektiven auf ein Tabuthema. Bielefeld.

Sofsky, Wolfgang (2001): Traktat über die Gewalt. Frankfurt.

Sonkin, Daniel Jay, / Martin, Del/Walker, Lenore E.A. (1985): The male batterer – A treatment approach. New York.

Trotha, Trutz von (2000): ‚Gewaltforschung auf Popitzschen Wegen’. In: Mittelweg 36, 9. Jahrgang, Dezember 2000/Januar 2001, S. 26-36.

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