2.2 Intimität

Wie in der Einleitung beschrieben, unterliegen (Zweier)Beziehungen gesellschaftlichen und sozialen Wertvorstellungen. In diesem System haben Paare nur beschränkte Möglichkeiten, diese Normen zu verändern oder abzulehnen. Trotzdem entwickeln Partnerinnen – sowohl als Einzelperson als auch als Paar – eigne Regeln (innere Regeln), die ihre Partnerschaft festigen sollen. Einerseits sollen diese Regeln eine klare Abgrenzung zwischen dem Paar („wir“) und der Gesellschaft („die anderen“) schaffen, andererseits sollen diese „inneren Regeln“ die Einzigartigkeit der Beziehung statuieren. Sie basieren auf den Erwartungen an die Funktion einer Beziehung z. B. Beziehung als Ort von Autonomie und Abhängigkeit, von Nähe und Distanz, von Individuation und Trennung.

Intimität hängt mit Nähe, Individualisierung und Trennung,  Autonomie und Abhängigkeit zusammen. Das heißt emotionale Nähe, die Empathie für die andere erfordert. Laut Wikipedia ist Intimität „sowohl die Fähigkeit als auch die Chance nahe, liebend und angreifbar zu sein“. [Wir greifen hier auf die englische Seite zurück, da die deutsche nicht zitierwürdig ist; 9.5.2008]

Intimität heißt, sich mit jemand anderem zu teilen. Die Unmöglichkeit sich selbst von der anderen abzugrenzen ist eine Form der Symbiose. Gleichgeschlechtliche Paare, besonders lesbische Paare scheinen mehr zu symbiotischen Beziehungen zu neigen. Wegen derselben Geschlechtszugehörigkeit kann eine Partnerin annehmen, dass die andere dieselbe Sozialisation hat, ihre Menstruation gleich erlebt und auch denselben Umgang mit der heteronormativen, sexistischen Umwelt hat. Auch geschlechtsspezifische Erwartungen an eine Partnerin können eine wichtige Rolle spielen, teilen Frauen doch die gesellschaftliche erwarteten Normen von Weiblichkeit und so wird auch weibliches Verhalten und ein „weiblicher“ Charakter von der Partnerin erwartet.

Unterschiedlichkeiten von Frauen auf Grund von Ethnie, Klassenzugehörigkeit, Fähigkeiten, Religion usw. werden ausgeblendet oder sogar abgelehnt. Den feministischen Theorien des letzten Jahrhunderts zufolge ist Geschlecht der Knackpunkt der hierarchischen Organisationen. Lange Zeit galten Frauen als kollektive Subjekte, die eine gemeinsame Unterdrückung auf Grund ihres Geschlechts teilen. Das hatte die Entwicklung eines kollektiven „Wir“ zur Folge. In den 90iger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde dieses Selbstbild immer mehr in Frage gestellt. Die Kritikerinnen befanden, dieses Bild zeige nur weiße, nicht-behinderte Frauen aus der Mittelschicht. Besonders die Bewegung von schwarzen Frauen in den Vereinigten Staaten forderten neue Sichtweisen, die die Vielfältigkeit der Frauen und die Verschiedenheit ihrer Lebensumstände mit einbeziehen. Diese Diskussionen haben sich auch auf die Europäische Frauenbewegung ausgewirkt.

Das Selbstbild von Frauen als kollektive Subjekte und die sichtbare biologische Gleichheit kann die Überschreitung der Grenze zwischen Intimität und Symbiose in lesbischen Beziehungen fördern. Wenn das Paar Unterschiede nicht akzeptieren und bis zu einem gewissen Grad wertschätzen lernt, kann die symbiotische Beziehung eine Quelle von Frustration, Enttäuschung, Ärger und auch Gewalt werden. Wenn zusätzlich geschlechtsspezifische Erwartungen wie Fürsorge, liebvoller Umgang oder Selbstlosigkeit nicht erfüllt werden, kann dies zu einer gewalttätigen Dynamik beitragen.

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