1.1 Essentialistische Theorien

In dem essentialistischen Theorieansatz, lassen sich vier Forschungsrichtungen ausmachen.

Hormonelle Ursachen von Homosexualität

Die grundlegende Annahme ist, dass unsere Wahrnehmung, unser Erkenntnisvermögen (Kognition) und unsere Gefühle von Hormonen beeinflusst werden. Folglich kann vermutet werden, dass es hormonelle Unterschiede zwischen schwulen oder bisexuellen und heterosexuellen Männern gibt, ebenso zwischen lesbischen oder bisexuellen und heterosexuellen Frauen. Nach dieser Theorie wird während der Schwangerschaft der Fötus nicht hinreichend mit Sexualhormonen versorgt. Meyer-Bahlburg hat herausgefunden, dass wenigstens ein drittel der untersuchten lesbischen Frauen ein erhöhtes Maß an männlichen Sexualhormonen aufwies (Meyer-Bahlburg (1979): Sex hormones and female homosexuality: A critical examination. Archives of Sexual Behavior 8: 101-108). Andere Forscher wiederum kamen zu dem Schluss, dass Frauen, die vor ihrer Geburt über ihre schwangeren Mütter Diethylstilbestrol (DES, ein synthetisches, nichtsteroidales  Östrogen, das zur Linderung von Beschwerden in der Stillzeit eingesetzt wurde und eine maskulinisierende Wirkung hatte) aufgenommen hatten, einen größeren Anteil lesbischer Frauen aufwies als solche, die dieses Medikament nicht aufgenommen hatten Erhardt et.al. 1985). Sexualhormone haben nicht nur Auswirkungen auf das Gehirn sondern auch auf spezielle Gene, sog. Hox-Gene. Eine verminderte Hormonzufuhr kann nach dieser Theorie das „Risiko“ von Homosexualität erhöhen. Folglich gehen die Anhänger dieser Theorie davon aus, dass homosexuelle Männer zu wenig maskuline Hormone haben und daher „weniger“ männlich sind. Neuere Forschung in diesem Bereich zeigt, dass je mehr Testosteron das Gehirn eines Fötus erhält, desto „männlicher“ im Sinne eines männlichen Verhaltens wird diese Person später sein. Da die Hox-Gene, die hormonell beeinflusst sind, das Wachstum einiger Extremitäten beeinflussen wie Finger, Zehen und Genitalien, sind hier Theorien aufgekommen, die zeigen, dass lesbische Frauen einen größeren/kleineren Zeigefinger haben als heterosexuelle Frauen.

Die Hormonforschung hat heute (neben anderen Dingen) vor allem die Pheromone im Blick: Diese Duftmoleküle spielen eine bedeutende Rolle in der Kommunikation zwischen Menschen, und folglich auch in Bezug auf sexuelle Anziehungskraft. Da lesbische Frauen offensichtlich nicht von männlichen Düften angezogen werden, kann eine hormonelle Fehlfunktion der Grund dafür sein.

Bluttests können Hinweise auf hormonelle Unterschiede geben. Wie auch immer, derartige Tests haben bis jetzt noch keinen signifikanten Unterschied des hormonellen Pegels zwischen Menschen des gleichen Geschlechts aber unterschiedlicher sexueller Orientierung gezeigt. Zudem haben bis heute keine der Forschungen, die sich mit den hormonellen Unterschieden von Homosexuellen befassen, ernstzunehmende und valide Untersuchungsergebnisse gebracht.

Physiologische Ursachen von Homosexualität

VertreterInnen dieser theoretischen Richtung gehen davon aus, dass zwischen Menschen gleichen Geschlechts aber unterschiedlicher sexueller Ausrichtung physiologische Unterschiede – vor allem im Hypothalamus – vorhanden sind. Zum Beispiel hat Simon LeVay (1991) bei routinemäßigen Autopsien das Hirngewebe von 41 Menschen untersucht, die an sieben städtischen Kliniken in New York und Kalifornien gestorben waren.  19 Leichen waren homosexuelle Männer, die an AIDS gestorben waren, 16 waren vermutete heterosexuelle Männer, von denen 6 wiederum auch an AIDS gestorben waren und 6 Frauen, von denen 1 an AIDS gestorben war. Die anderen Menschen waren aus anderen Ursachen gestorben. LeVay nahm an, dass zwei besonders kleine Gruppen von Neuronen (INAH2 oder INAH3) im Hypothalamus bei Menschen, die sexuell auf Frauen ausgerichtet sind, groß sind (heterosexuelle Männer, lesbische Frauen) und klein bei Menschen, die sexuell auf Männer ausgerichtet sind (heterosexuelle Frauen, homosexuelle Männer). Er kam zu dem Schluss, dass zumindest das Volumen des Zellkerns INAH3 bei heterosexuellen Männern mehr als doppelt so groß war wie bei homosexuellen Männern. Da alle homosexuellen Männer an AIDS gestorben waren, verglich er diese Gruppe auch mit den heterosexuellen Männern, die ebenfalls an AIDS gestorben waren. Der Unterschied war nach wie vor signifikant. AIDS hatte offensichtlich keine Auswirkung auf das Volumen dieses Zellkerns. Er konnte einen ähnlichen Unterschied zwischen heterosexuellen Männern und Frauen ausmachen, aber keinen zwischen homosexuellen Männern und Frauen. Diese Untersuchungsergebnisse unterstützen seine Annahme, dass INAH3 dimorph („zweigestaltig“) ist mit der sexuellen Orientierung, nicht aber mit dem Geschlecht.

Nichtsdestotrotz ergeben sich aus dem Forschungsdesign einige Probleme: Erstens repräsentieren an AIDS erkrankte/verstorbene Patienten nur eine nicht repräsentative Untergruppe von schwulen Männern. Es ist fraglich, ob von einer Untergruppe auf alle männlichen Homosexuellen gefolgert werden kann. Zweitens zeigte die Stichprobe einige Ausnahmen, nämlich heterosexuelle Männer mit einem kleinen INAH3 Zellkern und homosexuelle Männer wiederum mit einem großen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Menschen einer falschen Gruppe zugeordnet wurden oder aber die sexuelle Orientierung ist nicht die alleinige Determinante für die Größe des Zellkerns. Daher zeigt diese Art von Forschung einige methodologische Schwächen, die nicht technisch gelöst werden können: Verinnerlichte Homophobie kann einer der wesentlichen Gründe gewesen sein, warum jemand möglicherweise einer ‚falschen’ Gruppe zugeordnet wurde.

Andere Forschungen wiederum beziehen sich auf homosexuelle Frauen. Eine Untersuchung der University of Texas in Austen, USA hat ergeben, dass sich das Gehör von homosexuellen und bisexuellen von dem der heterosexuellen Frauen unterscheidet (Dennis Mc Fadden und Edward Pasanen 1998). „Das normale Innenohr macht unter bestimmten Umständen Geräusche“, so Dr. Mc. Fadden, „und diese Geräusche sind als otoakustische Emissionen oder OAEs (Schallabstrahlungen) bekannt“. Ein Typus dieser OAE ist ein echoähnliches Geräusch, welches das Innenohr als Antwort auf einen schwachen Klick-Ton macht. Diese durch den Klick-Ton hervorgerufene otoakustische Emmission (CEOAEs) ist bei Frauen und Mädchen stärker als bei Männern und Jungen. McFaddens Forschungsteam hat die CEOAEs von 61 lesbischen und bisexuellen Frauen gemessen. Sie haben herausgefunden, dass deren CEOAEs signifikant schwächer waren als die der Vergleichsgruppe von 57 heterosexuellen Frauen (www.psy.utexas.edu/psy/announcements/dmpub.html). McFadden schließt daraus, dass „sowohl das Innenohr als auch einige (unbekannte) Gehirnstrukturen für die sexuelle Präferenz verantwortlich sind und bei diesen Frauen maskulinisiert sind“.

Beide angeführten Beispiele physiologisch fokussierter Forschung unterstützen die Annahme einer „Feminisierung“ schwuler Männer und einer „Maskulinisierung“ lesbischer Frauen. Heterosexualität scheint die natürliche Ordnung darzustellen, wobei Homosexualität als biologische Devianz betrachtet wird.

Genetische Ursachen von Homosexualität

GenetikerInnen gehen davon aus, dass die sexuelle Orientierung genetisch bedingt ist. 1993 haben Forscher des Bethesda National Institute gegen Krebs in Maryland, USA eine genetische Verknüpfung zur sexuellen Orientierung von Männern herausgefunden (Dean H. Hamer, et al. 1993: Science 1993; 261:320-326). Sie haben 114 Familien homosexueller Männer untersucht. Die Untersuchung zeigte eine Wechselbeziehung (Korrelation) zwischen der sexuellen Orientierung und dem Erbgut eines polymorphen Markers (genetisches Verkehrszeichen) auf dem X-Chromosom in annähernd 64% der getesteten Geschwisterpaare. Die Verknüpfung zu dem Xq28 Marker legt die Vermutung nahe, dass wenigstens ein Subtyp der sexuellen Orientierung von Männern genetisch beeinflusst ist. Diese Forschungsergebnisse wurden in ‚Science’ 1994 und in ‚Nature Genetics’ 1994 diskutiert. Hier haben auch Hamer et.al. ihre fortgeführte Forschung zu dieser Verknüpfung veröffentlicht. Sie haben herausgefunden, dass dieses genetische Gebiet einen Ort beinhaltet, der die individuellen Variationen der sexuellen Orientierung von Männern beeinflusst, aber nicht die von Frauen.

Andere Forschung wiederum baute auf den Ergebnissen von Hamer auf. George Rice, Carol Anderson, Neil Risch und George Ebers der Western University of Ontario, Kanada, haben 52 schwule Geschwisterpaare Kanadischer Familien untersucht, die Allelen auf dem Xq28 aufwiesen. Es wurden vier Marker auf dem Xq28 untersucht (DXS1113, BGN, Faktor 8 und DXS1108). Die Allele und der Haplotpy dieser vier Marker lagen nicht über den erwarteten Ergebnissen. Diese Ergebnisse wiederum unterstützen nicht die Annahme, dass mit dem X-Chromosom verknüpfte Gene männliche Homosexualität bedingen (George Rice et.al. 1999: Science 23 Vol. 284. no. 5414, pp. 665 – 667). Seit dem wurde weitere Forschung durchgeführt, allerdings bis jetzt erfolglos.

Psychologische Ursachen von Homosexualität

Psychoanalytisch orientierte Argumentationslinien gelten im Sinne der Freudianischen Theorie als essentialistisch. Nach Freud wird jeder Mensch bisexuelle geboren. Freud stellt eine ursächliche Verknüpfung zwischen den Bedingungen in der frühesten Kindheit und der sexuellen Orientierung her, die mit der „normalen“ sexuellen Entwicklung bricht (Freud 1935): Autoerotische Fixierung, Kastrationsangst, gestörten Ödipus-Komplex, ein schwach bedrohlicher oder fehlender Vater, eine überbeschützende, dominante oder kastrierende Mutter können demnach eine deviante sexuelle Orientierung verursachen. Dennoch kann keine dieser Voraussetzungen Homo- oder Bisexualität hinreichend erklären, zumal andere Menschen mit gleichen Verteidigungsstrategien, ähnlicher Lebensgeschichte und ähnlichen familiären Strukturen völlig heterosexuell sind.

Freud selbst hatte eine andere Sichtweise auf Homosexualität: Er antwortete einer Mutter, die ihren homosexuellen Sohn behandeln lassen wollte: „Lass ihn in Ruhe, er ist nicht krank“. Er ging davon aus, dass psychische Bisexualität eine grundlegende Lebensrealität darstellt.

Auch wenn biologische Gründe nicht für die Erklärung von Homosexualität völlig ausgeschlossen werden können, zeigen die hier skizzierten Forschungsbeispiele, dass deren Ergebnisse wegen ihrer Methodologien und Philosophien fragwürdig sind. Es gibt keine allgemeine Ursache, die männliche und weibliche Homosexualität erklären könnte – geschweige denn männliche oder weibliche Heterosexualität. Einige vermutete Gründe beruhen auf der Annahme einer „Feminisierung“ von schwulen Männern und einer „Maskulinisierung“ lesbischer Frauen und letztendlich einer Abweichung von der „normalen“ heterosexuellen Orientierung. Dieser theoretische Rahmen ist nichts weiter als eine Fortführung von Vorurteilen gegenüber Homosexuellen.

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