1.2 Konstruktivistische Theorien

Symbolischer Interaktionismus

Der Begriff „symbolischer Interaktionismus“ wurde 1969 von Herbert Blumer geprägt. Die Grundannahme des symbolischen Interaktionismus ist, dass Menschen soziale Wesen sind aufgrund ihrer sozialen Beziehungen die Fähigkeit zur Kognition und ein Bewusstsein über das Selbst entwickelt haben. Menschen sind nicht Produkte einer Gesellschaft, sondern tragen gleichermaßen zur Gestaltung der Gesellschaft bei: Individuum und Gesellschaft sind von einander abhängig und in einem Prozess mit einander verwoben. Folglich kann menschliches Verhalten anhand von Bedeutungen und Symbolen erklärt werden. Weiterhin handeln Menschen auf Grundlage von Bedeutungen, die Dinge für sie haben, wobei die Bedeutung sich von der sozialen Interaktion herleitet und durch Interpretation modifiziert wird. Soziologische Themenfelder, die besonders durch den symbolischen Interaktionismus beeinflusst wurden sind Devianz/Kriminologie und die Soziologie von Geschlecht.

Sozialwissenschaftler argumentieren, dass Sexualität keine unveränderbare biologische Realität oder eine universelle natürliche Kraft ist, sondern ein kulturelles Konstrukt, welches mittels ökonomischer, sozialer und politischer Prozesse geformt wird und daher, wie die Gesellschaft an sich, historisch, d.h. variable in Zeit und Raum, ist. Gemäß dem Historiker Thomas Laqueur (1992) hat die Trennung des Geschlechter in weiblich und männlich entlang der spezifischen Physiognomie vor ca. 200 Jahren stattgefunden.  Diese Trennung war in der Antike nicht üblich. Nach der antiken Philosophie hatten Männer und Frauen mehr gemein als das, was sie trennte (Ein-Geschlecht-Modell).

Die sozialen Interaktionisten stellen drei symbolische Ebenen heraus, die Sexualität formen:

  • Die historische Ebene (die Bedeutung von sexuellem Verhalten ist durch kulturelle Normen und den sozio-historischen Kontext des Individuums beeinflusst);
  • Die Beziehungsebene (die Bedeutung von sexuellem Verhalten entwickelt sich auf den sozialen Beziehungen zwischen Personen);
  • Die biologische Ebene (die Bedeutung sexuellen Verhaltens erwächst aus der individuellen Lebensgeschichte und eigenen Erwartungen).

Nach Blumer bestehen menschliche Aktivitäten aus Begegnungen, in denen sie handeln müssen. Die Aktivität ergibt sich daraus, wie sie die Situation wahrnehmen, wie sie die wahrgenommenen Dinge einschätzen, wie sie diese interpretieren und schließlich welche Handlungslinie sie entwickeln. Demzufolge erhält die Sexualität eine symbolische Ebene, da sie als Ergebnis von Lebensszenarien gesehen werden, die darauf abzielen, Ziele jenseits von Erregung und Fortpflanzung zu erreichen, sondern Selbstachtung und materielle Sicherheit zu erlangen sowie den Wunsch nach Vollständigkeit usw. zu erfüllen.

Anthropologische Sichtweise

Eine der ersten Untersuchungen über die Sexualität in verschiedenen Kulturen wurde von Margret Mead in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts durchgeführt. Sie analysierte zum Beispiel heranwachsende Frauen in Neu Guinea, um mehr darüber herauszufinden, ob Konflikte in der Pubertät alleine durch die biologische Veränderung oder aber zudem durch kulturelle Normen bedingt sind. Nach historisch-anthropologischer Sicht ist Geschlecht etwas, was gelebt wird, eine Alltagserfahrung des Menschen. Daher wird Geschlecht in seinem spezifischen kulturellen, politischen und ökonomischen Kontext analysiert.

Wenn man entweder verschiedene Gruppen von Menschen über einen bestimmten Zeitraum aber in verschiedenen historischen und geographischen Kontexten, oder im Gegensatz dazu eine bestimmte Gruppe von Menschen in einem bestimmten geografischen Kontext aber in unterschiedlichen Zeiträumen studiert, wird deutlich, dass Sexualität, ihre Praktiken und Werte, die ihr beigemessen werden, ständigen Veränderungen ausgesetzt sind.

So stehen beispielsweise die „two spirited“ Menschen in einer nativen Tradition Nord- und Südamerikanischer sowie Kanadischer Ureinwohner (z.B. Inuit, Inca, Lakota, Cree, Cheyenne). Auch hatten die „two spirited“ Menschen ein Geschenk Gottes erhalten, nämlich das Privileg, dass beide, ein männlicher und ein weiblicher Seelen in ihren Körpern wohnen. Mit dem Geschenk, zwei Seelen zu beherbergen, haben diese Menschen die Fähigkeit, die Welt zugleich aus zwei Perspektiven zu sehen. Dieser Weitblick war ein Geschenk, das mit allen geteilt werden sollte, und so waren die „two-spirited“ Männer und Frauen Anführer, Mediatoren, Lehrer, Künstler, Seher und spirituelle Führer. Ihnen wurde mit großem Respekt begegnet und sie waren verantwortlich für spirituelle Rituale und Zeremonien. „Two spirited“ Menschen finden sich auch in Kulturen außerhalb Nordamerikas wie in Afrika (Swahili, Zulu), in Korea, Thailand, auf den Philippinen usw. Die Europäer haben sie später als Homosexuelle definiert und Homophobie in diese Kulturen eingebracht.

Anthropologische Forschung hat Theorien über Sexualität insofern beeinflusst, dass Homosexualität nicht als Gegensatz zu Heterosexualität steht: Beide sexuelle Ausrichtungen bilden die Pole eines sexuellen Kontinuums. Bereits in den 50er Jahren hat Alfred Kinsey die Theorie eines Kontinuums entwickelt, das von ausschließlicher Heterosexualität bis hin zu ausschließlicher Homosexualität reicht (siehe auch: Adrienne Rich (1979): On Lies, Secrets and Silence: Selected Prose, 1966-1978). Die anthropologische Forschung unterstützt die Theorie der sozialen Konstruktion von Sexualität, wobei die menschliche Sexualität sich durch eine große Vielfalt auszeichnet.

Soziale Lerntheorie

Die soziale Lerntheorie bezieht sich auf Lernen, das innerhalb eines sozialen Kontextes stattfindet. In dieser Theorie wird davon ausgegangen, dass Menschen von einander lernen, einschließlich solcher Konzepte wie Lernen durch Beobachtung, Imitation oder Modellieren. Neben anderen wird vor allem Albert Bandura (1977: Social Learning Theory) als einer der führenden Köpfe dieser Theorie angesehen. Die soziale Lerntheorie wird besonders zum Verständnis von Aggression (A. Bandura (1973): Aggression: A Social Learning Analysis), psychischen Störungen, besondern im Zusammenhang von Verhaltensänderungen, herangezogen. Die soziale Lerntheorie gilt als Brücke zwischen behavioristischen und kognitiven Lerntheorien, da es sowohl kognitive als auch behavioristische Faktoren (Operanden) beinhaltet. Im Gegensatz zu den Behavioristen wird angenommen, dass ein bestimmtes Verhalten einem anderen vorgezogen oder in seiner Häufigkeit und Intensität  ohne direkte Verstärkung (wie direkte Belohnung) gewählt werden kann. Kognitive Faktoren kommen dort zu tragen, wo individuelle Erwartungen über Belohnungen erzeugt werden, wobei die Erwartungen als Verstärker des Verhaltens fungieren.

Die soziale Lerntheorie basiert auf einigen grundlegenden Annahmen über Menschen und menschliches Verhalten:

  • Die Menschen sind soziale Wesen; sie reagieren auf ihre Umgebung oder antworten auf Stimuli in der Umgebung. Das bedeutet, dass sexuelles Verhalten gelehrt werden kann.
  • Innerhalb der sozialen Lerntheorie ist die Annahme eines angeborenen Sexualtriebs überflüssig, da wesens- oder wesensähnliches Verhalten in Verbindung mit Stimuli aus der Umgebung erzeugt wird.
  • Soziales Verhalten kann ohne äußere Verstärker stattfinden; die individuelle Kognition vermittelt die Hinweise aus der Umgebung.

 Die soziale Lerntheorie betrachtet die menschliche Sexualität als wenigstens teilweise erlernt und kognitiv ausgerichtet. Nach Hovell et al. (1994) sind sexueller Genuss und Erwartungen zu sexuellem Genuss die stärksten aller Verstärker.

In der sozialen Lerntheorie ist Homosexualität verknüpft mit frühem qualitativen Lernen und der Entwicklung der Geschlechtsidentität und der Geschlechterrolle. Eltern, Peergruppe und Medien sind die wesentlichen Quellen der Rollenvorbilder der Kinder. Da diese Vorbilder sich auch sexuell verhalten, neigen Kinder dazu, sexuelles Verhalten zu imitieren. Da Kinder eher in der Imitation einer sexuellen gleichgeschlechtlichen Ausrichtung verstärkt werden, neigen sie dazu, Verhalten von Menschen des gleichen Geschlechts aufzugreifen. Das führt zu einer kognitiven Assoziation eines bestimmten Verhaltens mit männlicher versus weibliche Sexualität. Sexualität ist mit der Entwicklung von Geschlechterrollen verwoben. Nichtsdestotrotz, diese Verhaltensweisen können sich im Laufe der Zeit ändern, wenn sich das sie umgebende Umfeld ändert (Oliver und Hyde 1993). Andere Forscher merken an, dass unterschiedliche Erfahrungen in der Modellierung der Umwelt die gleichgeschlechtliche oder die gegengeschlechtliche Ausrichtung im Erwachsenenalter prognostiziert (van Wyk and Geist (1984): Psychosocial development of heterosexuality, bisexual, and homosexual behaviour. In: Archives of Sexual Behavior 13, pp 505-544).

Folglich können negative (aversive) Erfahrungen von Frauen wie sexueller Missbrauch, Vergewaltigung usw. eine gleichgeschlechtliche sexuelle Ausrichtung im Erwachsenenalter verstärken (van Wyk, Geist 1984). Dieses Ergebnis lässt sich aus der sozialen Lerntheorie ableiten, wenn auch von einem einfacheren Verstärkungsmodell. Da aber positive Faktoren (angenehmes körperliches Empfinden, Wertschätzung des Partners) ähnlich starke Einflussfaktoren sind, kann auch dahingehend argumentiert werden, dass eine sexuelle Ausrichtung davon abhängt, ob der erste Orgasmus in einer gleichgeschlechtlichen oder gegengeschlechtlichen Sexualität erlebt wurde.

Da Homosexualität nach wie vor als weniger moralisch, weniger wert, weniger normal als Heterosexualität betrachtet wird, ist es einfach zu glauben, dass sie in negativen Erfahrungen begründet ist. Diese Schlussfolgerung verschließt sich der Möglichkeit, dass Homosexualität das Resultat einer positiven Erfahrung sein könnte – was wiederum für heterosexuelle Liebe allgemein angenommen wird.

Theorie der sozialen Etikettierung

Die Theorie der sozialen Etikettierung befasst sich damit, wie die Ich-Identität und das Verhalten eines einzelnen Menschen beeinflusst (oder erzeugt) wird davon, wie dieses Individuum von anderen in der Gesellschaft kategorisiert und beschrieben wird. Werden Individuen „etikettiert“, beeinflusst das ihr Verhalten. Das gilt besonders dann, wenn negative oder stigmatisierende Bezeichnungen (wie zum Beispiel „schwul“ oder „lesbisch“) ein abweichendes Verhalten befördern und so zu einer ‚sich selbst erfüllenden Prophezeiung’ werden: Ein Individuum, das etikettiert wurde hat kaum eine andere Wahl als sich der grundlegenden Bedeutung dieser Beurteilung anzupassen. Folglich vertreten die TheoretikerInnen dieses Ansatzes die Auffassung, dass soziale Abweichung verhindert werden kann, indem diejenigen, die etikettiert wurden nur eingeschränkt mit sozialer Scham reagieren und moralische Entrüstung durch Toleranz ersetzt wird. Diese Theorie der Etikettierung wird vor allem in der Kriminologie verwendet um die Delinquenz von Kriminellen zu erklären.

Michel Foucault beschreibt in seinen Vorträgen über Die Anormalen (1975) am Collège de France drei Figuren, deren Begehren sie der Disziplin und Kontrolle unterwarf: Das „Monster“, der „Unbelehrbare“ und der „Masturbator“. Nach Foucault ersetzt die Macht der Normalisierung die Macht der Rechtsprechung. Mit der Normalisierung wurde auch die Medizin gestärkt, die Normalität und Abweichung definiert (Foucaults Konzept der Bio-Politiken). Die Etikettierung formt die Realität. Es wurden neue Kategorien konstruiert, wie die der geistigen Krankheit, Rasse oder Homosexualität. Homosexuelle mussten mittels gesellschaftlicher Werte und der Moral diszipliniert und kontrolliert werden. Homosexualität wurde als Abweichung kategorisiert und Homosexuelle als „krank“, „kriminell“ usw.  charakterisiert und etikettiert. Sobald als Homosexualität als individuelles und gesellschaftliches Problem kategorisiert worden war, wurden Homosexuelle bedrängt, stigmatisiert, behandelt, ausgegrenzt, gettoisiert. Die Stigmatisierung von Homosexualität und Homosexuellen ermöglichte anderen Mitgliedern der Gesellschaft, sich als „rein“ wahrzunehmen, vereint gegen diejenigen, die als „abweichend“ etikettiert worden waren.

Indem Homosexuelle die ursprünglich negativen Etikettierungen „schwul“ oder „lesbisch“ für sich angenommen und positiv besetzt haben („stolz, lesbisch oder schwul zu sein“), haben sich Homosexuelle diejenigen Teile der Gesellschaft wieder angeeignet, von denen sie im Prozess der Etikettierung und Stigmatisierung ausgeschlossen worden waren. Mehr noch, indem sie die Bedeutung dieser Etikettierungen neu besetzt haben, wurde der kollektive Selbstwert gestärkt und es ist ein mächtige Bewegung entstanden, die lesbisch/schwule Emanzipationsbewegung.

Dennoch, auch konstruktivistische Theorien können nicht hinreichend die Ätiologie/Ursachen von Homosexualität erklären. Einige der theoretischen Ansätze bergen das Risiko, Vorurteile zu befördern, indem sie beispielsweise annehmen, dass negative Erfahrungen mit Männern Lesbianismus verursacht; das befördert ein Bild von lesbischen Frauen als „Männerhasser“ und dass sie nur „den Richtigen“ treffen müssen.

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