1.3 Kritik

Die in den vorhergehenden Kapiteln skizzierte Forschung zielt darauf ab, mehr über die Ursachen von Homosexualität herauszufinden. Da weder essentialistische noch konstruktivistische Ansätze hinreichend die Ursachen von Homosexualität erklären können, muss angenommen werden, dass diese multifaktorielle bedingt sind (soziale und biologische Ursachen). Ungeachtet der vermuteten Gründe für Homosexualität oder dem Design der Untersuchungen, ist die wesentliche Frage, warum Forscher ein weitaus größeres Interesse daran haben, die Ursachen der Homosexualität herauszufinden als die von Heterosexualität: Homosexualität zu erforschen, heißt die Devianz zu erforschen. Folglich kann die Motivation der ForscherInnen von einem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn bis hin zu der Suche nach der richtigen Behandlung für eine Krankheit reichen. Es ist Interpretation, die hier von Bedeutung ist.

Im Gegensatz dazu bedeutet die „Vielfalt“ des Lebens zu erforschen, zahlreiche Variationen biologischen und sozialen Lebens zu entdecken – und ihre Existenz zu akzeptieren. Zweifelsohne gibt es sexuelle Variationen, die gesellschaftlich kontrolliert und sanktioniert werden muss (z.B. Pädophilie und Inzest). Einvernehmlicher Sex zwischen Erwachsenen, die keine Verwandte ersten Grades sind, sollte keine davon sein. Zudem ist seit 1987 Homosexualität nicht länger als geistige Störung nach dem DSM angesehen und seit 1991 gilt das auch für das OMS.

Ungeachtet der benannten kulturellen und medizinischen Veränderungen in Europa ist ein vor allem religiös motiviertes Widererstarken von Bemühungen, Homosexualität zu verdammen, zu beobachten: Konservative religiöse Gruppen erachten Homosexualität als Gefährdung von Gottes Kreation, der natürlichen Ordnung und unterstützt Programme zur „Heterosexualisierung“  von Homosexuellen. Einige von ihnen beruhen auf der Philosophie amerikanischer christlicher Sekten wie „Living Waters“ (z.B. Wüstenstrom in Deutschland). Andere wiederum haben einen islamischen Hintergrund und attackieren offen Homosexualität und Homosexuelle, wie beispielsweise „der Verzehr von Schweinefleisch verursacht Homosexualität“ (islamische Gemeinde St. Georg, Hamburg, Deutschland, Juni 2007). Auch verdammt die katholische Kirche homosexuelle Partnerschaften als „böse“ und „die Legalisierung homosexueller Partnerschaften bedeutet, das Böse zu legalisieren“ (Philippika 2003). Die katholische Kirche hat den Staat aufgefordert, „dieses Phänomen in Grenzen zu halten“ damit die öffentliche Moral nicht gefährdet werde (Philippika 2003).

So lange Homosexuelle gefangen sind zwischen einer zunehmenden sexuellen Befreiung und einem widererstarkenden Konservativismus, sind sie einem hohen Risiko der Pathologisierung ausgesetzt. Bemühungen, Homosexuelle zu „heterosexualisieren“ verursacht psychische Schäden und kann zu einem geringen Selbstwertgefühl, posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) oder sogar zur Selbsttötung führen. Homosexualität ist keine Wahl und keine Krankheit. Es ist Vielfalt des Lebens.

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