5. GEWALT IN LESBISCHEN BEZIEHUNGEN

Einleitung

Der vermutete Anteil von Homosexuellen an der Gesamtbevölkerung wird auf 5% bis 10% geschätzt. Während sich konservative Schätzungen auf dem „Kinsey Report“ von Ende der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts beziehen, beruht die Annahme des 10%igen Bevölkerungsanteils auf veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen westlicher Gesellschaften, die seit Mitte des letzten Jahrhunderts erfolgten. Homosexuelle sind  besonders im städtischen Umfeld sichtbarer und mehr Lesben und Schwule leben ihre psychosexuelle Identität offen.

In der gegenwärtigen Forschung wird davon ausgegangen, dass das Vorkommen von Gewalt in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ebenso hoch ist wie in gegengeschlechtlichen Beziehungen: In jeder fünften bis vierten gleichgeschlechtlichen Partnerschaft kommt es folglich zu gewalttätigem und/oder missbräuchlichem Verhalten. Dennoch, die Untersuchungen zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen variieren in ihrer Methode, besonders in der Definition von Gewalt/Missbrauch und in der Zusammensetzung der befragten Menschen, und sind daher nicht vergleichbar. Auch wenn es keine verlässlichen Daten zum Ausmaß der Gewalt in gleichgeschlechtlichen Beziehungen gibt, ist das Problem zweifelsohne ein Weitreichendes. Dennoch wird die Gewalt in lesbischen und schwulen Beziehungen nur sehr selten im Mainstream-Diskurs zu häuslicher Gewalt thematisiert.

Der überwiegende Teil der Forschung zu Gewalt in lesbischen Partnerschaften befasst sich mit deren Prävalenz und Ursachen; hier insbesondere mit der Persönlichkeit der Täterin und gesellschaftlichen Einflussfaktoren sowie ein vergleichender Blick bezüglich der Prävalenz zu heterosexuellen Paaren.

Der Fokus unserer Arbeit liegt dem gegenüber auf der Analyse der gewalttätigen Beziehungsdynamiken. Wir betrachten Gewalt und Misshandlungen als Ausdruck von Interaktion, die durch die Handlungen beider Partnerinnen bestimmt wird. Deshalb stehen nicht die Persönlichkeiten der Täterinnen im Vordergrund unserer Arbeit, sondern interaktionistische Strukturen, so die beispielsweise Verwobenheiten zwischen den Partnerinnen (Siehe Theoretische Grundlagen).

Wir unterscheiden zwischen monodirektionalen und bidirektionalen Gewaltverläufen, die wiederum in zwei Kategorien unterteilt werden können. Zu den eindirektionalen Gewaltverläufen gehören sowohl die Dynamik von Misshandlungsbeziehungen als auch affektakzentuierte Gewaltdynamiken. Bei bidirektionalen Gewaltverläufen finden sich zum einen Verwobenheiten, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass es in der Partnerschaft sowohl eine Bedürftige als auch eine Gebende gibt, wobei sich beide Frauen in ihren Beziehungspositionen selbst verwirklichen (Fürsorge/Macht Kollusion). Und zum anderen gibt es dort Gewaltdynamiken, die auf Traumata, die in der Partnerschaft reinszeniert werden, zurückgeführt werden können (Siehe: Theoretische Grundlagen).

Welche der geschilderten Gewaltdynamiken sich etabliert, hängt von der Interaktion der Partnerinnen ab. Ein wesentliches Merkmal zur Beschreibung eines Opfers ist seine allgegenwärtige Angst. Akteurinnen eines bidirektionalen Gewaltverlaufs weisen zuweilen eine auf eine Situation bezogene Angst auf. Diese prägt und trägt jedoch nicht die Beziehung. Zudem haben sie ein Eigeninteresse an der Aufrechterhaltung der gewalttätigen Beziehungsstrukturen. Daher werden diese Frauen nicht als Opfer sondern als Akteurinnen beschrieben (Siehe: Theoretische Grundlagen).

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