3. Anglo-amerikanische Forschung

Die meisten Untersuchungen zu Gewalt in lesbischen Beziehungen stammen aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum und befassen sich vor allem mit dem Ausmaß und möglichen Ursachen der Gewalt. Dabei ergeben sich höchst unterschiedliche Daten, was zum einen auf unterschiedliche Gewaltdefinitionen und zum anderen auf die Begrenztheit der Forschungsmöglichkeiten zurückgeführt werden kann.

In den folgenden beispielhaft genannten Studien wird der Fokus auf physische Übergriffe gelegt: Eine Erhebung des „Gay & Lesbian Community Action Council“ von 1987 kommt des Weiteren zu dem Resultat, dass 22% der 900 befragten Lesben und 17% der befragten 1.000 schwulen Männer physische Gewalt erfahren hatten. Eine ebenfalls 1987 durchgeführte Untersuchung von Loulan kommt zu dem Resultat, dass 17% der befragten 1.566 lesbischen Frauen physische Gewalt erlebt haben. Eine jüngere Untersuchung von Tjaden/Thoennes/Allisson von 1999 gibt wiederum die lebenslange Prävalenz von physischer Gewalt in gleichgeschlechtlichen Beziehungen mit 11,4% an, während sie in heterosexuellen Partnerschaften bei 20,3% läge. Diese Studie geht zudem auf eine weitere Facette der häuslichen Gewalt, der durch männliche Ex-Partner, ein. So kommen die Autorinnen zu dem Ergebnis, dass das Risiko lesbischer Frauen, von einem männlichen Ex-Partner angegriffen zu werden, annähernd dreimal  so hoch ist wie die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer weiblichen Partnerin zu werden (30,4% vs. 11,4%). Hinsichtlich des Ausmaßes physischer Gewalt in schwulen Partnerschaften kommt die University von Georgetown (2003) zu dem Ergebnis, dass von den befragten 2.881 homosexuellen Männern 20% Gewalt durch ihren Partner erfahren haben. Auch wenn die beiden letztgenannten Studien den Schluss zulassen, dass die Prävalenz der physischen Gewalt in schwulen und in heterosexuellen Partnerschaften vergleichbar ist, während sie in lesbischen Partnerinnenschaften demgegenüber signifikant niedriger läge, wird in der gegenwärtigen Literatur zu Gewalt in lesbischen Beziehungen aufgrund der anderen aufgeführten Studien nach wie vor davon ausgegangen, dass die Prävalenz in allen drei Vergleichsgruppen in etwa gleich hoch ist.

Da – wie bereits angeführt – die zitierten Untersuchungen den Fokus auf physische Übergriffe legen, erlauben sie keine Aussagen bezüglich des Vorkommens verbaler und/oder psychischer Gewalt. Auskunft zur Häufigkeit immaterieller Formen von Gewalt gibt beispielsweise die Studie von Lie/Schilit (1991). Die Autorinnen kommen zu dem Schluss, dass von den 169 Befragten 26% körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erlebt hätten. Werden psychischer Zwang und andere immaterielle Formen von Gewalt einbezogen, steigt der Anteil auf 73%. Auch Renzetti (1992) kommt in ihrer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass von den 100 befragten lesbischen Frauen 87% physische Misshandlungen und psychischen Missbrauch erlebt hatten, wobei psychische Formen von Gewalt häufiger auftauchten als physische Übergriffe. Zudem waren in 30% der Fälle Kinder und in 38% auch Haustiere betroffen.

Sieht man von den methodischen Problemen ab, kann zusammenfassend festgestellt werden, dass die meisten Studien eine mittlere Prävalenz von physischer Gewalt in lesbischen Beziehungen von 20% bis 30% angeben. Das lässt die Schlussfolgerung zu, dass durchschnittlich in jeder vierten lesbischen Beziehung körperliche Formen von Gewalt ausgeübt werden. Auch nimmt der Grad der Viktimisierung zu, wenn psychische und verbale Übergriffe hinzukommen. Hier wird eine Prävalenz von bis zu 80% angenommen. Den meisten Autorinnen zufolge ist das Ausmaß der Gewalt in lesbischen Beziehungen vergleichbar mit dem von häuslicher Gewalt in gegengeschlechtlichen Beziehungen (u.a. Renzetti 1992, West 2002). Auch ist kein Unterschied zu heterosexuellen gewalttätigen Partnerschaften hinsichtlich der Formen von Gewalt zu erkennen, so verüben lesbische Frauen physische, psychische/verbale und sexualisierte Gewalt (Elliott 1996). Jedoch lässt sich eine Tendenz hin zu einer stärkeren Ausübung immaterieller Formen von Gewalt ausmachen (Renzetti 1992; McLaughlin/Rozee 2001).

Quellen/Literatur:

Gay and Lesbian Community Action Council, Minneapolis (MN) (1987): A survey of the Twin Cities gay and lesbian community: Northstar project. Unpublished paper. Zitiert in Elliott (1996), S. 3.

JoAnn Loulan (1987): Lesbian Passion. Zitiert in Renzetti (1992), S. 17.

P. Tjaden/N. Thoennes/C.J. Allison (1999): Comparing violence over the life span in samples of same-sex and opposite sex cohabitants. Violence and Victims 14, S. 413-425.

School of Nursing and Health Studies der Georgetown University (2003). Veröffentlicht auf der Webseite http://gumc.georgetown.edu/communications/releases/battered_01242003.htm. Stand: 24. Januar 2003.

G. Lie/R. Schilit/J.Bush/M. Montagne/L. Reyes (1991): Lesbians in currently aggressive relationships: How frequently do they report aggressive past relationships. Violence and Victims 11, S. 85-103.

Seite 1 von 1
zum Anfang

Gefördert von: und
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Impessum | Übersicht