6. Daten der Beratungsstellen Deutschland

Die europäische Datenlage zu häuslicher Gewalt im Kontext lesbischer Partnerschaften ist sehr dünn. In Fachberatungsstellen zu häuslicher Gewalt stellen Lesben eine marginale Gruppe dar, d.h. wenden sich nur sehr selten an diese Einrichtungen. Zugleich gibt es kaum Fachberatungsstellen, die gezielt lesbische Frauen ansprechen oder aber lesbische, bzw. lesbisch/schwule/transgender Beratungsstellen.

Broken Rainbow e.V. 2006

Broken Rainbow hat im Zeitraum von 2000 – 2006 142 Fälle häuslicher Gewalt und 120 Fälle von Diskriminierung und Hasskriminalität analysiert. Nachfolgend werden Fallbeispiele aufgeführt, um einen Einblick in die Gewalterfahrungen lesbischer Frauen zu gewähren.

Tabelle 1: Themenbereiche

Themenbereiche 2002 2003 2004 2005 2006 Summe
Gewalt gegen Lesben 25 15 10 5 13 68
Gewalt in der Partnerschaft 16 11 9 9 20 65
Gewalt durch Familie oder
Ex-Partner/innen
30 16 19 6 6 77
Gewalt im sozialen Nahraum 25 18 6 9 1 58
keine Angabe 0 0 0 0 0 0
Summe 96 60 44 29 40 268

Der Kreis der Täter und Täterinnen umfasst nicht nur die gegenwärtige Partnerin, sondern auch die Gewalt durch die Ex-Partnerin, durch männliche Ex-Partner  und Gewalt durch die Herkunftsfamilie. Übergriffe, die die Wahlfamilie betreffen, wurden unter „Gewalt im sozialen Nahraum“ gefasst (siehe Definition von häuslicher Gewalt). 

Gewalt durch die Herkunftsfamilie

Fallbeispiele:

  • Nachdem eine Familie mit einem archaisch-patriarchalen kulturellen Hintergrund ihre Tochter nach deren Coming-out „bekehren“ wollte und sich diese Versuche als erfolglos herausgestellt haben, haben sie ihr mit Mord gedroht (2004/184).
  • Die Eltern einer Lesbe haben ihr angedroht, sie umzubringen. Die Familie weist ebenfalls einen archaisch-patriarchalen kulturellen Hintergrund auf (2004/183).
  • Die Eltern der Partnerin haben die Klientin als Lesbe und „Nutte“ beschimpft, sie gehöre vergast und verboten ihr, das Haus zu betreten (2003/019).
  • Die Tochter einer Klientin hat diese gewürgt, nachdem sie erfuhr, dass ihre Mutter lesbisch war (2002/045).
  • Der Vater der Freundin verbietet der Klientin jeglichen Kontakt; diese darf auch die Wohnung nicht betreten. Die Treffen finden heimlich statt. (2006/255).
  • Aufgrund des Lesbischseins der Tochter wird ihr angedroht, gegen ihren Willen verheiratet und aus der Familie ausgestoßen zu werden (2006/251).

Gewalt durch die gegenwärtige Partnerin

Bei der überwiegenden Mehrheit der Fälle handelt es sich um körperliche Übergriffe, verknüpft mit psychischer/verbaler Gewalt, Stalking oder sexualisierter Gewalt. Im Regelfall tauchte eine Kombination unterschiedlicher Formen von Gewalt auf und nur in sehr wenigen Fällen  trat psychisch/verbale Gewalt (Beleidigungen, Herabsetzungen usw.) alleine auf. Auch tauchte die sexualisierte Gewalt nur einmal ohne weitere Formen von Gewalt auf.

Fallbeispiele:

  • Die Täterin kam betrunken in die Wohnung des Opfers. Das Opfer wollte sie daraufhin der Wohnung verweisen. Die Täterin reagierte mit Schlägen, hat das Opfer an den Haaren gezogen und in den Rücken getreten. (2003/012).
  • Die Täterin schlug in Streitgesprächen im alkoholisierten Zustand ihre Partnerin (2003/033).
  • Die Täterin hat ihre Partnerin gepackt und mit dem Kopf gegen die Türe geschlagen. Auch las sie deren Briefe und e-mails. Sie war stark eifersüchtig und verbot ihrer Partnerin, sich mit FreundInnen oder ArbeitskollegInnen zu treffen. (2003/043)
  • In einem weiteren Fall kam es während eines Streits zu einem körperlichen Übergriff, in dem die Täterin zu einem Messer griff und die Klientin verletzte (2002/093).
  • Im Streit wurde die Klientin von ihrer Partnerin gestoßen, ins Gesicht geschlagen und gewürgt (2002/096).
  • In einem Streit schlug die Partnerin so schwer zu, dass die Ratsuchende ins Krankenhaus gebracht werden musste (2006/266).
  • Im Laufe der Beziehung kommt es wiederholt vor allem unter Alkoholeinfluss zu Konflikten, in der beide Frauen übergriffig werden: Schubsen, Anschreien, Partnerin ohne Wohnungsschlüssel zurücklassen (2006/253).
  • Konflikte eskalieren, so dass beide Partnerinnen „auch schon mal zuschlagen“ (2006/252).

Fast alle Übergriffe fanden in der eigenen oder der gemeinsam bewohnten Wohnung statt, nur einer im öffentlichen Raum. Mehrere gewalttätige Auseinandersetzungen in der Partnerschaft fanden sowohl in der lesbisch-schwulen Community als auch Zuhause statt. Zu den Tatzeiten wurden nur wenige Angaben gemacht. Die Analyse der wenigen Informationen zeigt jedoch die Allgegenwärtigkeit der Gewalt, denn mehrheitlich wurden als Tatzeiten sowohl tagsüber, abends und nachts angegeben. Dadurch wird die Gewalt für die Opfer unberechenbar und die Gefahr allgegenwärtig, denn in keiner Minute des Tagesablaufs ist das Risiko gemindert.

Nur sehr wenige der  betroffenen lesbischen Frauen nahmen medizinische Versorgung in Anspruch; desgleichen gilt für  zivilrechtliche Schritte. Wenn Unterstützung in Anspruch genommen wurde, dann - neben der Beratung durch die lesbischen Fachberatungsstellen - vor allem im Freundinnenkreis (ein Drittel): Die Opfer sind oftmals zu Freundinnen geflüchtet und haben dort übernachtet oder sind dort „untergeschlüpft“. Nur sehr wenige Frauen haben noch eine andere Beratungsstelle aufgesucht, eine Rechtsberatung in Anspruch genommen oder aber eine Therapie begonnen.

Gewalt durch die ehemalige Partnerin

Die Täterinnen waren entweder die Ex-Partnerin der Klientin oder aber die Ex-Partnerin ihrer gegenwärtigen Lebensgefährtin. Die Analyse der ausgeübten Formen von Gewalt zeigt, dass bei Trennungen Stalking-Aktivitäten der Ex-Partnerinnen stark zunehmen. Im Regelfall waren diese verbunden mit einer Kombination von körperlicher und psychisch/verbaler Gewalt.

Fallbeispiele:

  • Nach vollzogener Trennung ruft die Ex-Partnerin ständig an und droht der Klientin. Diese fühlt sich belästigt und bedroht. Auch hat sie Angst, dass sie ihrer neuen Partnerin etwas antun könnte (2004/194).
  • Nach erfolgter Trennung würgte die Ex-Partnerin die Klientin auf der Toilette eines Szene-Lokals, belästigt sie vor ihrer Wohnungstüre, im Hausflur und in der Wohnung des Opfers. Sie würgte sie erneut und zwang sie zum Sex (2004/195).
  • Die Ex-Partnerin der Partnerin droht, die Klientin beruflich zu diskreditieren (2003/022).
  • Die Ex-Partnerin ruft wiederholt an und kommt zu der Wohnung der Klientin. Sie trat gegen die Wohnungstür bis die Klientin die Polizei rief. Es nach deren Intervention hat die Täterin den Ort verlassen (2002/034).
  • Die Klientin wurde von ihrer Ex-Partnerin in ihrer Wohnung misshandelt und sexuell genötigt (2002/039).

Die meisten Übergriffe fanden tagsüber oder abends in der Wohnung der Betroffenen statt, gefolgt vom öffentlichen Raum, z.B. auf der Straße. Oft handelte es sich dabei um kombinierte Geschehen, beispielsweise das Verfolgen auf der Strasse und der Telefonterror zu Hause. Im Vergleich zur Gewalt durch die gegenwärtige Partnerin, in der die eigene Wohnung als Tatort dominiert, ist hier eine Ausdifferenzierung der Tatorte zu erkennen. Inwieweit das jedoch signifikant ist, lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht feststellen.

Gewalt durch den männlichen ehemaligen Partner

Im Vergleich zu den anderen TäterInnengruppen von häuslicher Gewalt zeigt sich bei männlichen Ex-Partnern ein spezifisches Phänomen: Die überwiegenden Mehrheit der geschilderten Übergriffe durch männliche Ex-Partner fanden im ländlichen Raum statt, einer in einer mittelgroßen Stadt und fünf Übergriffe in der Großstadt. Am häufigsten wurde psychische Gewalt ausgeübt, gefolgt von sexualisierter Gewalt, körperlichen Übergriffen und Stalking.

Fallbeispiele:

  • Nach der Trennung wurde die Klientin mehrfach von ihrem Ex-Mann und dessen Freunden vergewaltigt. Schließlich hat sie sich an die betriebliche Sozialberatung gewendet, die sie wiederum an die lesbische Fachberatungsstelle verwiesen hat (2004/199).
  • In einem Fall drohte der Ex-Ehemann mit dem Entzug der Kinder (2003/025).
  • In einem weiteren Fall greift der Ex-Ehemann die neue Partnerin seiner Ex-Frau mit einem Messer an. Auch verbündet er sich mit dem Vater der Klientin und möchte das von der Frau in die Ehe eingebrachte Vermögen überlassen bekommen. Unbekannte beschädigen das Fahrzeug der neuen Partnerin (2003/051).
  • Der Ex-Ehemann würgt seine ehemalige Partnerin (2002/02).
  • Der Ex-Ehemann beschimpft seine Ex-Ehefrau, droht ihr, setzt ihre Lebensweise herab und demütigt sie (2002/036).
  • Der Ex-Ehemann schlägt seiner Ex-Ehefrau während einer Auseinandersetzung um die lesbische Beziehung ins Gesicht (2002/053).
  • Der Ex-Ehemann droht, die Autoreifen der Geliebten der Ex-Ehefrau zu zerstechen (2002/056).
  • Der Ex-Ehemann versuchte, seine Ex-Ehefrau zu vergewaltigen (2002/090).
  • Während der lesbischen Beziehung verübte der männliche Ex-Partner der Klientin ihr gegenüber körperliche und sexuelle Übergriffe (2006/264).

Tabelle 2: Art der Gewalt

Art der Gewalt 2002 2003 2004 2005 2006 Summe
Körperliche Gewalt 27 19 11 19 76
Sexualisierte Gewalt 15 10 6 5 36
Psychische/verbale Gewalt 47 37 16 31 131
Wirtschaftliche Kontrolle 5 1 3 2 11
Stalking 10 9 3 3 25
Mobbing 7 5 1 6 19
Sachbeschädigung 0 5 1 2 8
Waffeneinsatz 2 0 1 0 3
Sonstiges 24 14 1 5 44
Keine Angabe 0 0 2 0 2
Summe 137 100 0 45 73 355

* Die Daten von 2004 sind in die Vorjahre eingegangen.

Diese Tabelle verdeutlicht, dass nur in sehr seltenen Fällen eine Waffe gegen lesbische Frauen eingesetzt wird. Des Weiteren geht aus der Tabelle hervor, dass im Regelfall keine Gewaltform alleine angewendet wird, sondern es sich um eine Kombination mehrerer Ausdrucksformen handelt.

Tabelle 3: Beziehungsverhältnis Täter/in-Opfer

  TäterInnen 2002 2003 2004 2005 2006 Summe
Geschlecht männlich 41 24 22 14 16 117
  weiblich 52 41 20 16 27 156
  keine Angabe 4 0 2 1 2 9
  0
  Summe 97 65 44 31 45 282
Alter jugendlich(-26) 7 5 4 2 5 23
  erwachsen 61 47 35 21 15 108
  Keine Angabe 29 8 5 6 21 37
  Summe 97 60 44 29 41 168
 

 
Bekanntheit TäterIn bekannt 52 44 44 16 10 166
  TäterIn unbekannt 19 13 0 4 4 40
  TäterIn aus der Szene 4 2 1 6
  Keine Angabe 22 1 9 27 59
  Summe 97 60 44 29 42 271
Beziehungs-
verhältnis
Ex-Ehemann/Partner 6 2 0 3 3 14
Ex-Partnerin 13 7 8 4 5 37
  Gegenwärtige Partnerin 14 10 9 1 14 48
  Herkunftsfamilie 5 5 7 3 3 23
  Wahlfamilie 3 0 5 1 0 9
  Arbeitskolleg/in 6 4 15 1 3 29
  Andere 21 25 0 9 6 61
  Keine Angabe 29 7 0 7 8 51
  Summe 97 60 44 29 42 272

* Mehrfachnennungen möglich, wenn mehrer Täter/innen vorhanden.

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