2. Mythen und Stereotypen über Gewalt in lesbischen Partnerschaften

Viele vorurteilsbehaftete Annahmen zu Gewalt in lesbischen Beziehungen können darauf zurückgeführt werden, dass Gegengeschlechtlichkeit von Partnerschaften als normsetzend gilt. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften werden daher oftmals vor dem Hintergrund der Heterosexualität betrachtet und interpretiert.

  • Da in gegengeschlechtlichen Beziehungen im Regelfall der Mann gegenüber der Frau gewalttätig wird, wird analog dazu angenommen, dass auch in gewalttätigen lesbischen Partnerschaften die „maskulin“ wirkende Partnerin die Täterin ist. Die Praxis zeigt jedoch, dass eine derartige Zuordnung nicht möglich ist. Auch gestalten sich lesbische Partnerschaften nicht entlang heteronormativer Anordnungen, d.h. dass sich nicht zwangsläufig eine „maskuline“ und eine „feminin“ wirkende Frau zu einer Partnerschaft zusammenfinden.
  • Auch wird davon ausgegangen, dass bei Menschen gleichen biologischen Geschlechts ebenfalls eine körperliche Gleichheit einhergeht, die es dem Opfer erlaubt, sich entweder zu wehren oder aber die Partnerschaft zu verlassen. Infolgedessen werden gewalttätige Auseinandersetzungen allzu leicht als „Streit unter Gleichen“ bagatellisiert. Diese Annahme verleugnet zum einen vielfältige Abhängigkeitsstrukturen innerhalb einer Partnerschaft, die nicht mit körperlichen Mitteln ausgeglichen werden können und führt zum anderen zu der irrigen Annahme, dass „Gewalt unter Frauen“ nicht zu körperlich schweren Verletzungen bis hin zur Tötung führen kann. Auch hier zeigt die Praxis, dass das zwar in einem geringeren Ausmaß als in gegengeschlechtlichen Partnerschaften der Fall ist, aber nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden kann. Vielmehr muss davon ausgegangen werden, dass viele lesbische Opfer wegen befürchteten möglichen Diskriminierungen keine (medizinische) Hilfe in Anspruch nehmen und daher nur begrenzt Aussagen über die tatsächliche Schwere der verübten Gewalt und deren Ausmaß getroffen werden können.  
  • Ein weiteres Vorurteil ist, dass insbesondere lesbische Gewalttäterinnen und lesbische Frauen im Allgemeinen männliche Normen und Werte übernehmen. Der Umgang mit eigenen Aggressionen ist Bestandteil von Sozialisation und geschlechtsspezifisch markiert: Während Männern ein offener und nach außen gerichteter Umgang mit Aggressivität zugestanden wird und diese so zu einem Bestandteil von Männlichkeit wird, findet sich dieser Aspekt nicht im gesellschaftlichen Bild von Weiblichkeit. Auch wenn lesbische Frauen nur Männern zugestandene Werte übernähmen, hätten sie dennoch keinen vergleichbaren gesellschaftlichen Rückhalt wie Männer. Ein aggressiver bis gewalttätiger Mann mag einen gesellschaftlichen Rückhalt haben, eine aggressive bis gewalttätige Frau hat das nicht. Gewalttätige lesbische Frauen begehen daher einen zweifachen Normbruch, ihre psychosexuelle Identität ist nicht auf Gegengeschlechtlichkeit ausgerichtet und sie sind zudem gewalttätig. Abschließend kann jedoch darauf verwiesen werden, dass nur wenige lesbische Frauen männlich besetze Werte für ihren eigenen Lebensentwurf übernehmen – mit der Folge dass diese für Menschen mit einem heteronormativen Blick nicht wahrnehmbar sind.

Die hier dargestellten Vorurteile und Stereotypen finden sich sowohl bei heterosexuellen Menschen als auch bei Lesben und Schwulen.

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