6. DIAGNOSE UND RISIKOANALYSE


Die Risikoanalyse ist Bestandteil einer umfassenden Diagnose, die vor der Entscheidung, mit einem Täter/einer Täterin zu arbeiten, erstellt werden sollte. Allgemein werden dazu standardisierte Interviews und Fragebogen genutzt. Beide sollten wenigstens folgende Bereiche abdecken:

  • die Persönlichkeit des/der TäterIn,
  • Formen der Gewalt,
  • Geschichte der Gewalt,
  • Stadium der Verantwortungsübernahme,
  • Alkohol- und/oder Substanzmittelmissbrauch,
  • Derzeitige Lebensumstände (z.B. Erwerbslosigkeit, gleichgeschlechtliche Partnerschaft),
  • Motivation, an der Maßnahme teilzunehmen,
  • Gewalt- und Missbrauchserfahrungen im Leben der Täterin.

Eine Einschätzung der Persönlichkeit des/der TäterIn soll sicherstellen, dass beispielsweise bei geplanter Teilnahme eines „sozialen Trainingskurses“ eine klinische psychische Störung ausgeschlossen wird. Diese Kurse sind gedacht für „gesunde“ Menschen, die ein antisoziales Fehlverhalten an den Tag legen. Klinische Fälle gehören in die Hände von Psychotherapeuten oder psychiatrischen Kliniken.

Weiterhin trägt das Erkunden der verübten Formen von Gewalt dazu bei, dessen Schwere einschätzen zu können; Informationen zur Geschichte der Gewalt helfen, den Grad der Eskalation abzuschätzen. Um an einem sozialen Trainingskurs teilnehmen zu können, ist es zwingend notwendig, dass der Täter/die Täterin ein Minimum an Willen zeigt, die Verantwortung für sein/ihr Handeln zu übernehmen. Der Missbrauch von Alkohol oder anderen Substanzmitteln erhöht nicht nur das Risiko eines erneuten Angriffs, sondern es muss auch eine Entscheidung darüber getroffen werden, ob der/die TeilnehmerIn zuerst seine/ihre Sucht kontrollieren muss und nachfolgend einen Trainingskurs besucht. Zumindest während des Zeitraums des Trainings sollten die Teilnehmerinnen drogenfrei sein. Die gegenwärtige Lebenssituation kann einen weiteren Risikofaktor darstellen, wenn beispielsweise der/die TäterIn erwerbslos ist oder aber (Stief)Kinder im selben Haus leben usw. In der Risikoanalyse sollten stabilisierende oder aber destabilisierende Einflussfaktoren, die die Chance vermindern, dass der/die TäterIn sein/ihr Verhalten ändert, herausgearbeitet werden. Auch sollten die TeilnehmerInnen darin unterstützt werden, stabilisierenden Faktoren zu stärken, beispielsweise indem ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessert werden. Schließlich sollte in der Risikoanalyse die Motivation des/der TäterIn, beispielsweise an einem Trainingskurs teilzunehmen, näher beleuchtet werden. Die Forschung zeigt, dass vom Gericht zugewiesene Täter einen ‚sozialen Trainingskurs’ eher beenden als solche, die von ihrer Partnerin geschickt werden (Gondolf 2002). Auch empfehlen wir, semi-strukturierte Interviews über die Geschichte der Gewalt in der Lebensgeschichte des Täters/der Täterin durchzuführen, weil nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Erfahrung von Gewalt/Missbrauch in der Kindheit auf die Bindungsfähigkeit eines Erwachsenen sowie seine Erwartungen an die Partnerin/den Partner beeinflussen.

Im Allgemeinen beinhaltet eine Risikoanalyse zwei Aspekte: a) Methoden, um Risiko einschätzen zu können (Risk Assessment) und b) Strategien des Umgangs mit dem vorliegenden Risikos zu entwickeln (Risk Management). Da die überwiegende Mehrheit der Gewalttäter und der Kriminellen männlich ist, fokussiert die Forschung zur Risikoeinschätzung auf männliche Täter. Und um es zu betonen, auch die überwiegende Mehrheit der Täter häuslicher Gewalt ist männlich; daher befasst sich die Risikoanalyse auch hier vor allem mit männlichen Tätern.

Um Risikoanalyse an sich zu verstehen, muss geklärt werden, WER WELCHES Risiko beurteilt. Deshalb sollten verschiedene Aspekte erwogen werden:

Der Kontext, in dem eine Risikoanalyse durchgeführt wird: Dieser Kontext ist abhängig davon, welche Einrichtung/Organisation eine Risikoanalyse vornimmt: Ein/e RichterIn, der/die darüber zu befinden hat, ob der/die Angeklagte an einem ‚sozialen Trainingskurs’ teilzunehmen hat, die Polizei, die darüber befinden muss, ob das Risiko einer Eskalation und weiterer Gewalt vorliegt oder eine Beratungseinrichtung, die ein „Fallmanagement“ durchführt (Risikoeinschätzung hinsichtlich wiederholter Gewalt und Eskalation der Gewalt) und/oder Gruppen für TäterInnen usw.

Das Ziel der Risikoanalyse: Wird die Risikoanalyse durchgeführt, um darüber zu entscheiden ob der Täter/die Täterin in ein Trainingsprogramm aufgenommen wird, um zukünftige Gewalt vorhersagen zu können (Wiederholungsgefahr und Rückfallrisiko), um das Risiko einer tödlichen Attacke einzuschätzen oder um der Person eine bestimmte Dienstleistung zu verwehren usw.


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