1. Dimensionen der Risikoanalyse

 Gegenstand der Analyse: anhand verschiedener Werkzeuge wird versucht

  • die Wahrscheinlichkeit tödlicher Gewalt,
  • Schwere und Häufigkeit,
  • Eskalation der gewalttätigen Dynamik,
  • zukünftiges gewalttätiges Verhalten.

Im Bereich der häuslichen Gewalt wird in der Praxis häufig auf ‚Checklisten’ zurückgegriffen. Es wurden verschiedene Instrumente entwickelt, die Einrichtungen unterstützen sollen,  den Fall einzuschätzen – besonders hinsichtlich des Risikos einer Eskalation und von tödlicher Gewalt. Die ersten Checklisten wurden von Daniel Sonkin 1985 und Barbara Hart 1988 entwickelt. Aber diese bezogen sich überwiegend auf klinisch orientierte psychologische Risikofaktoren, die sich auf die im amerikanischen DSMR kategorisierten Persönlichkeitsprofile bezogen. Im Gegensatz zu den Fachleuten aus dem Gesundheitsbereich, die eine klinische Einschätzung vornehmen, sind die MitarbeiterInnen psychosozialer Einrichtungen wie Familienzentren oder Beratungsstellen, die mit TäterInnen und Opfer häuslicher Gewalt arbeiten, oftmals nicht in der klinischen Evaluation geschult.  Daher mussten neue Methoden entwickelt werden, um auch diese MitarbeiterInnen in ihrer Arbeit zu unterstützen. Heutzutage lässt sich eine Tendenz dahingehend ausmachen, statt komplexen, psychologisch basierten klinischen Evaluationsinstrumenten eher einfach handhabbare und soziologisch basierte Methoden der Risikoanalyse zu nutzen.

Diese Werkzeuge basieren auf einer Auswahl empirischer Items mit festen, klaren und bereits validierten Formeln für die Einschätzung von Risikoindikatoren (Markern) und für die Unterstützung der Entscheidungsfindung (zum Beispiel „Cohens Kappa“, eine Formel um das Maß der Übereinstimmung zwischen zwei Schätzern/Beurteiler (Rater - ‚Interrater’)  zu messen. Die Gleichung für Cohens Kappa lautet:

Cohens Kappa Formel

Die formalisierten Methoden der Risikoeinschätzung unterscheiden sich von üblichen psychologischen Tests dahingehend, dass die Kombination von üblichen Methoden für die Auswahl von Items in verschiedenen Instrumenten/Methoden mit psychometrischen Evaluationsmethoden nicht so relevant ist.

Keine der Methoden garantiert einen 100%igen Erfolg. Es gibt immer das Risiko einer Fehleinschätzung. Deshalb können entweder mehrere empirische Methoden kombiniert werden, um dieses Risiko zu reduzieren, oder aber es kann ein weiterer sehr wichtiger Indikator, die Risikoeinschätzung des Opfers, hinzugezogen werden. Die Forschung zeigt, dass die die Gefahrenwahrnehmung des Opfers ein sehr aussagekräftiger Indikator ist, um das Risiko eines erneuten Angriffs einzuschätzen (Weisz/Tolman/Saunders 2000).  

Die nachfolgenden zentralen Indikatoren beziehen auf sich männliche Täter häuslicher Gewalt und müssen diskutiert und ggf. ergänzt werden um Kernkategorien, die sich auf weibliche/lesbische Täterinnen beziehen.

Schlüsselindikatoren für die Einschätzung eines erneuten Angriffs durch den männlichen Täter: 

  • starke Indikatoren
  • Substanzmittelmissbrauch
  • Erwerbslosigkeit
  • Gewalt  in der Herkunftsfamilie
  • Alter (‚junge, erwerbslose Männer’)
  • weniger starke Indikatoren
  • Stress
  • Depressionen
  • Geringer Selbstwert
  • Inkonsistenz im Status
  • Persönlichkeitsstörungen
  • Traditionelles Bild von Geschlechterrollen

Schlüsselindikatoren für ein hohes Risiko eines Tötungsdelikts (Letalität; männliche Täter)

  • Starke Indikatoren
  • Bereits zuvor verübte häusliche Gewalt
  • Zugang zu Waffen
  • Entfremdung
  • (Stief)kind zu Hause
  • Erwerbslosigkeit
  • Suizidalität ist ein besonderer Risikofaktor für ein Tötungsdelikt
  • Vorhergehende psychische Gesundheitsprobleme
  • Trennung
  • Weniger starke Indikatoren
  • Allgemein gewalttätiges Verhalten
  • Alkoholmissbrauch
  • Kulturelle Themen und Sensibilitäten

Schlüsselindikatoren für eine schwere Misshandlung durch einen männlichen Täter

  • mangelnde Reue/Schuldgefühle
  • allgemein gewalttätiges Verhalten

Allgemeine Schlüsselindikatoren für das Risiko von häuslicher Gewalt in gegengeschlechtlichen Beziehungen

  • Opferwerdung von Kindesmissbrauch
  • Zeuge von häuslicher Gewalt in der Kindheit
  • Alkoholmissbrauch
  • Stalking
  • Sexuelle Übergriffe

Substanzmittelmissbrauch ist eher ein Risikofaktor für einen Angriff oder erneuten Angriff als für die Tötung der Partnerin während eine Selbstmordgefährdung des Täters eher ein Risiko für die Tötung der Partnerin/des Opfers darstellt. Weibliche Täterinnen weisen weitaus seltener eine Geschichte der Gewaltausübung auf als männliche Täter.

Die Risikoanalyse ist verknüpft mit Wut Management. Das Ziel von Wut Management ist, Gefühle und emotionale Erregbarkeiten, die Wut auslösen, zu verringern. Die Werkzeuge für die Risikoanalyse und die Wut-Diagnose werden gewöhnlich bei männlichen Tätern angewendet, gehen aber unterschiedliche Wege, um die benötigten Informationen zu erhalten. Heutzutage gibt es zahlreiche Werkzeuge für die Risikoeinschätzung. Allerdings gibt es nur sehr wenige Forschungen, die sich mit deren Effizienz befassen (Dutton 2000, Campbell/Webster/Mahoney et.al. 2005). Auch wenn wir einige von ihnen hier vorstellen, bedeutet das nicht, dass wir davon ausgehen, diese seien wirkungsvoller als andere.

Das „Spousal Assault Risk Appraisal Guide” (SARA) zielt darauf ab, die Risikofaktoren männlicher Tatverdächtiger zu untersuchen und wird bei männlichen Erwachsenen angewendet. Eine weitere Methode ist das „Danger Assessment” (DA), welches Informationen des Opfers benutzt.

Wut ist eine sekundäre Emotion. Sie kann als Reaktion auf andere Gefühle erfolgen. Es gibt verschiedene Methoden, Wut einzuschätzen wie beispielsweise das „Novaco Anger Inventory“, das von Raymond W. Novaco (1075) entwickelt worden ist. Die ausführliche Fassung beinhaltet 90 Items. Das Instrument zielt darauf ab zu messen, in welchem Maß sich jemand provozieren lässt und wütend wird, wenn er in eine bestimmte Situation gerät. Die gekürzte Version enthält 25 Items und deckt Situationen des alltäglichen Lebens ab. Allerdings fehlt eine Modifizierung für die Interaktion von Paaren. Eine andere Methode ist das STAXI und seine erweiterte Version, das STAXI-2 - State Trait Anger Expression Inventory-2 (State-Trait-Ärgerausdrucksinventar). Mit diesem Verfahren soll die Intensität von situationsbezogenem Ärger gemessen werden. Es wird bei Jugendlichen ab 14 Jahren und Erwachsenen angewendet. Beide Versionen wurden von Charles D. Spielberger in den 90er Jahren entwickelt. Das Instrument beinhaltet 6 Skalen, ‚Trait Anger’, ‚Anger Expression-Out’, ‚Anger Expression-In’, ‚Anger Control-Out’, ‚Anger Control-In’, und ‚State Anger’. Das STAXI-2 hat zudem fünf untergeordnete Skalen sowie einen Index für den Ausdruck von Wut. Es wird in „Werkzeuge für Fachkräfte“ nähe erläutert. Ein Werkzeug für Ehrenamtliche und/oder Laien könnte das „DVI” – Domestic Violence Inventory – sein. Es beinhaltet 6 Skalen, die die Glaubwürdigkeit, die Gewalt, Kontrolle, Alkohol, Drogen und die Fähigkeit, mit Stress umzugehen, messen. Es wird nachfolgende in „Werkzeuge für Laien“  beschrieben werden.

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