5. Risikoanalyse lesbischer Täterinnen

Es gibt annähernd keine Forschung, die sich mit allgemeinen fördernden und hindernden Einflussfaktoren für häusliche Gewalt in lesbischen Partnerschaften befasst. Die oben angeführten Methoden zur Einschätzung eines möglichen Risikos beruhen 1) auf der Risikoanalyse für männliche Täter und wurden 2) teilweise  für die Anwendung bei heterosexuellen Frauen modifiziert. Es ist nicht bekannt, ob die geschilderten Messverfahren auf lesbische Frauen übertragen werden können.

Lesbische Frauen erfüllen weder das traditionelle Geschlechtsrollenbild von Frauen als gewaltlos, fürsorglich und selbstaufopfernd noch erfüllen sie die Norm der Heterosexualität. Das inkongruente Verhalten lesbischer Frauen hat bedeutende Auswirkungen auf diejenigen Frauen, die Gewalt verüben und einen gleichgeschlechtlichen Lebensentwurf haben. Im Regelfall können sie nicht auf traditionelle Hilfsangebote zurückgreifen wie den FreundInnenkreis, die Herkunftsfamilie oder kommunale Angebote zu häuslicher Gewalt. Lesbische Frauen, die ihre Partnerinnen misshandeln, befinden sich in einer Art „sozialem Vakuum“, weil sie für ihr Verhalten nicht zur Verantwortung gezogen werden und nicht darin unterstützt werden, ihr gewalttätiges Verhalten zu ändern.

Wird das Augenmerk auf lesbische Frauen gerichtet, die in ihrer Partnerschaft gewalttätig sind, müssen für die Risikoanalyse eines erneuten Angriffs und einer Eskalation der Gewalt Einflussfaktoren auf verschiedenen Ebenen einbezogen werden:

  • individuelle Ebene
  • subkulturelle Ebene
  • gesellschaftliche Ebene.

Nach Hassouneh 2008 sind folgende Risikofaktoren auzumachen:

  • vorherige körperliche Gewalt gegenüber einem Partner oder einer Partnerin
  • kontrollierendes Verhalten
  • Abhängigkeit
  • Alkohol- und Drogenmissbrauch
  • Depression
  • Beendigung der Beziehung

Allerdings weist die Forschung in Europa auch auf weitere Risikofaktoren hin, so sind Frauen in ihrer ersten lesbischen Beziehung einem erhöhten Risiko ausgesetzt, von ihrer Partnerin misshandelt zu werden (Ohms 2008, Kers 2005).

Die hier skizzierten Risikofaktoren beziehen sich nur auf die individuelle Ebene, obgleich subkulturelle und gesellschaftliche Faktoren, die die Gewalt befördern, von gleichrangiger Bedeutung sind. Diese sind zum Beispiel sowohl die subkulturelle Tabuisierung, häusliche Gewalt zu benennen und die Heteronormativität, die eine Zurückweisung von gleichgeschlechtlichen Lebensweisen beinhaltet.

Die meisten skizzierten Risikofaktoren gelten für Täterinnen und Opfer gleichermaßen. Das bedeutet, dass nicht klar ist, warum eine Frau gewalttätig wird, die andere wiederum zum Opfer und eine Dritte nicht mit gewalttätigen Dynamiken in Berührung kommt – obgleich sie die gleichen Risikofaktoren aufweisen. So erhöht beispielsweise die Erfahrung von Gewalt in der Kindheit das Risiko, als Erwachsene erneut Gewalt zu erleben. Die Analyse von häuslicher Gewalt in lesbischen Beziehungen zeigt, dass sowohl die Täterinnen als auch die Opfer oftmals eine Geschichte von sexuellem Missbrauch aufweisen. Folglich ist das ein Risikofaktor für zukünftiges Gewalterleben, nicht jedoch dafür, ob jemand Opfer oder TäterIn wird.

Schließlich ist auch die Beziehung zwischen potentiellen Risikofaktoren und der Ausübung von Gewalt nicht eindeutig: So sind Untersuchungen zu Alkohol- und Drogenmissbrauch  als Risikofaktoren nicht konsistent. Zuvorderst, nicht in allen Fällen häuslicher Gewalt spielt Alkohol- oder Drogenmissbrauch eine Rolle; zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist sein Anteil an den gewalttätigen Beziehungsdynamiken noch nicht festgestellt.  Zudem kann ein Alkohol- oder Drogenmissbrauch eher in Verbindung mit Unterdrückung und weniger mit Gewalt stehen. Auch können Depressionen eher in Verbindung mit Unterdrückung und weniger mit Gewalt stehen. Es muss daher angenommen werden, dass es eine Verbindung gibt zwischen Unterdrückung, dem Umgang damit und der Ausübung von Gewalt.

Die Risikoanalyse wird in einem nachfolgenden Projekt Gegenstand der Forschung von Broken Rainbow e.V. werden.

Literatur:

Dutton, Donald G./P. Randall Kropp (2000): A review of domestic violence risk instruments. In: Trauma, Violence, Abuse, Vol.1, No.2, Seite 171-181.

Gondolf, E.W. (2002). Batterer Intervention Systems. Issues, Outcomes, and Recommendations.Thousand Oaks: Sage Publications.

Hassouneh, Dena/Glass, Nancy: The influence of gender Role Stereotyping on Women’s Experience of Female Same-Sex Intimate Partner Violence. In: Violence Against Women 2008, 14. pp 310-325.

Kers, Susanne (2005): Similar but different – domestic violence in same-sex couples. Unpublished paper.

Ohms, Constance (2008): Das Fremde in mir – Gewaltdynamiken in Liebesbeziehungen zwischen Frauen. Soziologische Perspektiven auf ein Tabuthema. Bielefeld.

Weisz A. N., Tolman, R. M. & Saunders, D. G., 2000, ‘Assessing the risk of severe domestic violence: The importance of survivors' predictions’, Journal of Interpersonal Violence, vol.15 Nr. 1, Seite 75-90.

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