3. Werkzeuge für Ehrenamtler/innen und Fachfremde

A) Das Domestic Violence Inventory (DVI) zielt darauf ab, abzuschätzen, welche Maßnahme/Behandlung sinnvoll ist. Es kann daher die Expertise der EhrenamtlerInnen und ihre Entscheidungsfindung darin unterstützen, den Täter/die Täterin in ein Programm/Verfahren aufzunehmen. Dieses ‚Inventar’ ist automatisiert und normiert und beinhaltet 155 Items. Es dauert ca. 30-35 Minuten.

Das DVI beinhaltet sechs Skalen die die Bereiche „Glaubwürdigkeit“, „Letalität“, „Kontrolle“, „Alkoholmissbrauch“, „Drogen“ und „Umgang mit Stress“ abdecken. Ein Bereich wird dann als Problem definiert, wenn der Skalenwert bei 70% und höher liegt. Ernsthafte Probleme gelten als solche, wo die Skalenwerte bei 90% und mehr liegen.

Die Skala für die Glaubwürdigkeit misst, wie glaubwürdig der/die TäterIn oder der/die Teilnehmerin während des Tests war. Je höher der erreichte Skalenwert, desto unglaubwürdiger die Person, weil sie übervorsichtig war, ihre Probleme minimiert hat oder aber Antworten vorgetäuscht hat usw. Ein hoher Skalenwert deutet auch auf ein unkooperatives Verhalten hin wie zum Beispiel zu versuchen, in einem „guten Licht“ zu erscheinen. Die Gewalt-Skala zielt darauf ab, Teilnehmer zu identifizieren, die entweder gegenüber sich selbst oder anderen gefährlich sind. Hier liegt das Augenmerk auf körperlichem Zwang. Erhöhte Werte weisen auf eine mangelnde Einsicht dahingehend hin, wie Wut oder Feindseligkeit anders ausgedrückt werden können. Je höher der Skalenwert, desto schlimmer die Prognose. Im Kontext von häuslicher Gewalt bezieht sich Kontrolle darauf, andere zu überwachen/regeln, einzuschränken und zu kontrollieren. Diese Arten kontrollierenden Verhaltens reichen von milden bis zu schwerwiegenden Formen. Schweres kontrollierendes Verhalten fokussiert auf übertriebenes, verzerrtes oder extremes Verhalten wie beispielsweise zu fluchen, stoßen, einschüchtern, schlagen oder sogar misshandeln. Hohe Werte von 70% bis 89% weisen auf das Vorliegen von regulierendem/überwachendem, einschränkendem und kontrollierendem Verhalten hin. Schwerwiegende Probleme liegen bei Werten von 90% bis 100% vor. Diejenige Skala, die den Gebrauch von Alkohol und schwerwiegenden Alkoholmissbrauch misst, hat ähnliche Skalierungen, d.h. je höher der Wert desto schwerwiegender das Problem. Die Drogenskala misst Substanzmittelmissbrauch illegaler Drogen wie Kokain, Crack, Barbiturate und Heroin. Ein erhöhter Drogenskala-Wert von 70% bis 89% weist auf ein aufkommendes Drogenproblem hin. Werte zwischen 90% und 100% identifizieren ernsthafte Konsumenten illegaler Drogen. Schließlich wird auch die Fähigkeit gemessen, mit Stress umzugehen. Die Stress-Skala misst, wie gut die Testperson mit Stress umgehen kann Es ist bekannt, dass Stress Symptome von geistigen und emotionalen Problemen verschlimmern kann.  Auch hier gilt: Je höher die Werte, desto schwerwiegender das Problem.

Jede einzelne Skala kann schon einen Risikofaktor ausweisen, aber von größerem Interesse ist die Verknüpfung mit den anderen Skalen. Zum Beispiel, wenn eine Person nicht gut mit Stress umgehen kann, werden auch andere Probleme verschärft. Diese verstärkende Wirkung  eines Problems gilt auch für Substanzmittelmissbrauch (Alkohol und andere Drogen), Gewalt (Letalität), Kontrollprobleme und stressbezogene Probleme. Eine erhöhte Alkohol-Skala erhöht in Verbindung mit anderen hohen Werten den Schweregrad dieser erhöhten Werte. Liegt zum Beispiel bei einer Testperson ein erhöhter Gewalt-Wert vor, der zudem einen erhöhten Alkohol-Wert aufweist, ist diese Person als verstärkt gefährlich einzuschätzen, wenn sie trinkt.

B) Andere Instrumente

Viele der Frauennotrufe, Frauenhäuser oder andere psychosoziale Einrichtungen benutzen zusätzlich Fragebogen, in denen beispielsweise die Expertise des Opfers in die Entscheidungsfindung einbezogen wird. Einige von diesen Fragebogen zielen auf die Risikoeinschätzung der Letalität ab und sind ähnlich aufgebaut wie das hier umrissene Beispiel:

Werden 5 und mehr Fragen mit JA beantwortet, liegt ein hohes Risiko vor:

Hat ihr Partner/ihre Partnerin

  • sie körperlich angegriffen?
  • Gegenstände nach Ihnen geworfen?
  • Sachen von Ihnen zerstört?
  • Sie in Gegenwart anderer herabgesetzt?
  • Sei gedemütigt?
  • Sie „klein gemacht“?
  • Ihnen angedroht, Sie ernsthaft zu verletzen?
  • Ihnen gedroht, eines Ihrer Kinder zu verletzen?
  • Gedroht, Ihrem Haustier etwas anzutun?
  • Ihnen gesagt, dass er/sie nicht ohne Sie leben kann?
  • Eifersüchtig oder besitzergreifend reagiert?
  • Sie beschuldigt, eine Affäre zu haben?
  • Besteht Ihr Partner darauf, für jede Minute, in der Sie nicht mit ihm zusammen waren, Rechenschaft abzulegen?
  • Stellt Ihnen nach?
  • Taucht an Ihrem Arbeitsplatz auf?
  • Hält Sie von Ihrer Wahlfamilie und Ihrer Herkunftsfamilie fern?
  • Droht, Sie zu outen?
  • So tut, als ob es Ihre Schuld ist, wenn er/sie Sie verletzt?
  • Sie gezwungen, Sex mit Ihnen zu haben?

 

Wird eine der nachfolgenden BEJAHT, liegt ein hohes Risiko vor:

  • Hat er/sie jemals eine Waffe (z.B. Messer) benutzt, um sie zu bedrohen?
  • Hat er/sie jemals gebeten, ihn/sie mit einer Waffe zu töten, die er/sie besorgt hat?
  • Hat er/sie Ihnen jemals im Detail gesagt, wie er/sie Sie töten wird?
  • Hat er/sie jemals versucht, Sie zu töten?

Andere Fragebogen wiederum zielen darauf ab, Risikofaktoren zu identifizieren und können folgende Fragen beinhalten. Auch hier handelt es sich um Opfer-zentrierte Fragebogen.

Eskalation

  • Hat die Häufigkeit der Gewalt zugenommen?
  • Hat die Schwere der Gewalt zugenommen?
  • Haben Sie bemerkt, dass bestimmte Faktoren, die ihn/sie bis jetzt zurückgehalten haben, nicht mehr zu tragen kommen?
  • Wurde eine Waffe, einschließlich Alltagsgegenstände aus dem Haushalt, benutzt?
  • Hat ihr Partner gedroht, eine Waffe gegen Sie zu richten?
  • Hat ihr Partner gesagt, dass niemand anders sie haben könne, wenn er/sie nicht haben kann?

Risikofaktoren

  • Trinkt Ihr/e Partner/Partnerin täglich Alkohol?
  • Konsumiert Ihr/e Partner/Partnerin illegale Drogen?
  • Ist Ihr/e Partner/Partnerin auch außerhalb der Wohnung gewalttätig?
  • Ist Ihr/e Partner/Partnerin wütend auf Sie oder Ihnen gegenüber feindselig?

Dynamik

  • Hat Ihr/e PartnerIn Ihre Haustiere verletzt oder getötet?
  • Beschuldigt er/sie Sie eines promisken Verhaltens?
  • Ist er/sie ständig eifersüchtig?
  • Gebraucht er/sie herabwürdigende Namen?
  • Gibt er/sie Ihnen die Schuld an der Gewalt?
  • Kontrolliert Ihr/e PartnerIn Ihre täglichen Aktivitäten?
  • Hat während der Schwangerschaft die Häufigkeit der Gewalt zugenommen?

Da sehr häufig nur eine sehr feine Linie die BeraterInnen und TrainerInnen von denjenigen trennt,  die Gewalt ausüben, ist Supervision eine zwingende Voraussetzung für die Arbeit der EhrenamtlerInnen/Laien und Fachkräfte. In einigen psychosozialen Einrichtungen unterrichten ehemalige Täter gegenwärtige Täter. Die TrainerInnen und BeraterInnen müssen ihre eigenen gewalttätigen Potentiale reflektieren, eigene Rollenmodelle und ihre Haltung zu Homosexuellen auf den Prüfstand stellen.

Es gibt verschiedene Formen von Supervision, von der Team-Supervision zur Einzelsupervision, vom Heranziehen einer externen Fachkraft bis hin zu kollegialer Supervision. Auch wenn psychosoziale Einrichtungen ein beschränktes Budget haben, kann nicht genug betont werden, dass die Arbeit mit Tätern und Täterinnen immer einer Supervision für die TrainerInnen und BeraterInnen bedarf.



Seite 1 von 1
zum Anfang

Gefördert von: und
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Impessum | Übersicht