3.1.3 Selbstverständnis des Trainings

Soziale Trainingskurse für lesbische Täterinnen müssen sowohl geschlechtsspezifisch als auch hinsichtlich der sexuellen Orientierung ausgerichtet sein. Traditionelle Geschlechtsrollenstereotype beschreiben Frauen als „angeboren gewaltfrei“, fürsorglich und selbstaufopfernd. Auch wird das Verhältnis der Geschlechter zueinander vor der Matrix der Heterosexualität wahrgenommen und kategorisiert, d.h. dass Heterosexualität als tragende Norm erachtet wird. Diese Wahrnehmungen haben bedeutende Auswirkungen auf Frauen, die nicht entsprechend traditionellen Geschlechtsrollen leben, so Frauen die gewalttätig sind und Frauen, die mit anderen Frauen in einer Liebesbeziehung leben. Lesbische Frauen sind zudem mit externer und verinnerlichter Homophobie konfrontiert. Die geschlechtsspezifische Ausrichtung von Unterstützungssystemen, die Frauen als Opfer und Männer als Täter sehen sowie Homosexuellenfeindlichkeit führt dazu, dass lesbische Frauen nur begrenzt auf traditionelle Ressourcen wie den FreundInnenkreis, Herkunftsfamilie oder örtliche Einrichtungen zu häuslicher Gewalt, zurückgreifen können. Dieses Defizit trägt wesentlich zu einem erhöhten Risiko für misshandelte lesbische Frauen bei.

Die Europäische Forschung zeigt, dass die meisten Täter häuslicher Gewalt männlich sind, während die überwiegende Mehrheit der Opfer Frauen sind. Dennoch gibt es – wenn auch wenige – Frauen, die gewalttätig sind und die ihr Verhalten und ihre Einstellung ebenfalls ändern müssen.

Die Arbeit mit weiblichen/lesbischen Täterinnen häuslicher Gewalt hinterfragt die Annahme, dass Gewalt männlich ist: Frauen sind nicht per se friedfertig sondern handeln ebenfalls gewalttätig. Auch wenn ihr Zugang sich von dem der Männer unterscheidet, haben Frauen ebenso gelernt, dass die Ausübung von Gewalt ein effektives Werkzeug ist, Macht, Herrschaft und Kontrolle durchzusetzen und zu festigen. Dennoch, Aggression ist gesellschaftlich eher von Männern toleriert als von Frauen – sie symbolisiert Männlichkeit. Die gesellschaftliche Akzeptanz von (gewalttätigem) Verhalten bestärkt die Annahme vieler Männer, dass der Gebrauch von Gewalt angemessen ist. Frauen können dem gegenüber nicht auf dieses gesellschaftlichen Rückhalt bauen. Allerdings hat die Tabuisierung von Gewalt und Missbrauch innerhalb der lesbischen Subkultur die gleiche Funktion wie gesellschaftliche Wertvorstellungen und bestätigt lesbische Täterinnen in ihren Haltungen zu Gewalt. Die Bekämpfung von Gewalt und Missbrauch in lesbischen Partnerschaften bedeutet folglich, nicht nur individuelle Verhaltensweisen, sondern auch subkulturelle und kulturelle Werte zu verändern.

Die Forschung weist darauf hin, dass gewalttätige Frauen weniger schwere körperliche Verletzungen zufügen wie Männer (Hamberger 2002, Micus 2002). Auch erleben mehr Frauen als Männer ihr gewalttätiges Verhalten als Kontrollverlust, der von Scham und Schuldgefühlen begleitet ist (Campbell, zitiert in Micus 2002). Nichtsdestotrotz nutzen Männer und Frauen ähnliche Strategien im Umgang mit ihrem gewalttätigen Verhalten: Sie machen das Opfer dafür verantwortlich, sehen sich als die „wahren Opfer“, übernehmen keine Verantwortung, verharmlosen das Geschehen und mildern ihre Taten ab. Diese Ähnlichkeiten mit männlichen Tätern lassen vermuten, dass einige Bausteine des Curriculums für männliche Täter auch für Frauen angewendet werden können. Das bekannteste Konzept ist das „Duluth Model“ (DIAP), das auf die soziale Konstruktion von Mannsein und Männlichkeit und verschiedene Aspekte einer gleichberechtigten Partnerschaft abzielt (Pence/Paymar 1993).

Weiterhin zeigt die Forschung, dass auch lesbische Täterinnen gesellschaftliche Erwartungen von Frauen als fürsorgliche, aufopfernde Menschen teilen; sie sehen sich nach einem Einssein mit der Partnerin und geben eigene Grenzen auf. Sie „verschmelzen“ und das „Ich“ wird ein „Wir“. Zugleich können lesbische Täterinnen als sehr bedürftig beschrieben werden, wobei sie hoffen, dass ihre Partnerinnen ihre Bedürftigkeiten erfüllen/sättigen können. Das Risiko von Gewalt erhöht sich dann, wenn diese Erwartungen/Wünsche/Bedürftigkeiten nicht erfüllt werden, Die Frauen sind enttäuscht und wütend.  Sie sehen keine andere Möglichkeit als die mittels Gewalt ihre Vorstellungen durchzusetzen. Die Frauen nutzen Gewalt, weil sie andere Strategien als weniger erfolgreich einschätzen oder nicht wissen, wie sie diese einsetzen können (Ohms 2008). Ein weiterer Grund ist die „verinnerlichte Homophobie“: Lesbische Frauen erfahren Feindlichkeit gegenüber und Ablehnung von ihrer psychosexuellen Identität. Sie hassen sich dafür, nicht „normal“ zu sein und manchmal richtet sich ihr Selbsthass gegen ihre Partnerinnen. Gleichzeitig ist die Partnerschaft jedoch auch ein Schutzraum, der beide Partnerinnen vor den homophoben Übergriffen der „äußeren Welt“ schützt. Beide Aspekte, Mythen über Frauen und die Partnerin sowie verinnerlichte Homophobie haben ihre Wurzeln in gesellschaftlichen Werten, die Frauen als fürsorglich, selbstaufopfernd und hingebungsvoll beschreiben und Heterosexualität als „normal“ und andere psychosexuelle Identitäten als „abweichend“ erachten. 

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Ausübung von Gewalt multifaktoriell bedingt ist und nicht auf eine einzige Ursache zurückgeführt werden kann. Gesellschaftliche Wertvorstellungen, die Aggression befördern und die individuelle Lebensgeschichte (zum Beispiel sexueller Missbrauch oder Vernachlässigung), sind mit einander verbunden und erhöhen das Risiko einer Gewaltausübung.

Unabhängig von den möglichen Gründen einer Gewaltausübung zielt das Trainingsprogramm auf den Prozess der Veränderung. Es ist derart gestaltet, diejenigen Frauen, die ihr gewalttätiges Verhalten verändern wollen oder müssen, zu unterstützen und zu begleiten.

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