1. Arbeit mit Akteurinnen

Erfahrungen aus der Beratungsarbeit zeigen, dass oft beide Partnerinnen aktiv an der Gewaltdynamik beteiligt sind.

Zum besseren Verständnis möchten wir folgende Situation konstruieren: Eine Frau erwartet auf Grund einer chronischen Erkrankung die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Partnerin und fordert diese auch mit Verweis auf das persönliche Leiden ein. Manchmal verleiht sie dieser Forderung Nachdruck mit der Drohung eines ansonsten bevorstehenden Rückfalls. Die Partnerin fühlt sich angesichts dieser Anspruchshaltung überfordert, vielleicht auch eingeengt. In der Folge reagiert sie immer häufiger mit Abwehr und Abwertung der Partnerin.

Dieses Phänomen ist bezeichnend für Paare mit bidirektionaler Gewaltdynamik. Eine Unterscheidung von Täterin und Opfer ist in vielen Fällen nicht möglich, da beide Frauen Gewalt ausüben und Gewalt erfahren. Die Partnerin einer gewaltausübenden Frau kann daher nicht in allen Fällen alleinig als Opfer gesehen werden, auch wenn sie sich selbst auf Grund der Gewalterfahrung so wahrnimmt. Partnerinnen in einer bi-direktionalen Gewaltdynamik verneinen die eigenen aggressiven Anteile und ihre persönliche Verantwortlichkeit oftmals. Hinzu kommt, dass gerade wenn es sich um die Ausübung psychischer Gewalt handelt, diese selten als Gewalt wahrgenommen und bezeichnet wird (das gilt sowohl für den Blick von Außenstehenden als auch für die Partnerinnen). Gewalt gilt in vielen Fällen als nur auf die körperliche Eben bezogen.

Im Fall einer bidirektionalen Gewaltdynamik ist die Einbeziehung beider Partnerinnen wichtig. Dies ist möglich über Paarberatung und Paartherapie, aber auch über Einzelarbeit wie Beratung oder Therapie. Bei den verschiedenen Angeboten der Einzelarbeit ist jedoch darauf zu achten, dass beide Frauen in unterschiedlichen Settings (d.h. vor allem bei unterschiedlichen BeraterInnen / TherapeutInnen) sind.

Eines der ersten Ziele der Arbeit muss die Bewusstmachung und Auseinandersetzung mit den eigenen aggressiven Anteilen sein. Die Selbstwahrnehmung als nur "Opfer" muss um die der "Täterin" erweitert werden. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung sowohl mit Momenten der Gewalterfahrung als auch mit denen der Gewaltanwendung. Wichtig ist zu vermitteln, dass die Klientinnen nicht allein dadurch dass sie die Beratung aufgesucht haben, ihr Problem gelöst haben. Sich selbst einzugestehen, Gewalt ausgeübt zu haben, einer anderen, geliebten Person Schaden zugefügt zu haben und dafür die Verantwortung zu übernehmen, erfordert nicht nur eine große Bereitschaft, sich mit Scham und Schuld auseinander zu setzen, sondern auch Disziplin und Durchhaltevermögen.
Oberstes Ziel der Beratung muss die Beendigung des gewalttätigen Verhaltens sowie die Einsicht in das eigene Verhalten und das Erlernen geeigneterer Mittel zur Konfliktlösung sein.

Ferner ist zu überlegen, in welcher Form sich die Klientin bei ihrem Gegenüber entschuldigen kann und wie sie „es“ wieder „in Ordnung“ bringen kann, vorausgesetzt die Partnerin ist bereit für irgendeine Art von Kontakt.
Es gibt Beratungskonzepte (vgl. Cayouette, 1999), bei denen die  Partnerin in Absprache mit der Klientin in die Beratung mit einbezogen wird. Damit kann sich die Beraterin auch vergewissern, dass die Partnerin der Beratungsklientin in Sicherheit ist.

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