2. Arbeit mit Täterinnen

Eine von Gewalt in ihrer Partnerschaft betroffene lesbische Frau wendet sich nur selten an eine Fachberatungsstelle. An erster Stelle wendet sie sich an ihren Freundinnenkreis, der jedoch damit oft überfordert ist.

Für lesbische Frauen bedeutet es in der Regel einen großen Schritt, wenn sie wegen Gewaltbetroffenheit in ihrer Beziehung zu einer Facheinrichtung oder Beratungsstelle gehen. Wenden sie sich an eine allgemeine Familienberatungsstelle, müssen sie Vertrauen haben, dass sie als lesbische Frauen akzeptiert und mit ihrem Anliegen ernst genommen werden. Schließlich haben sie Gewalt durch eine andere Frau erfahren.
Viele lesbische Opfer von Gewalt in ihrer Beziehung schweigen über die erfahrene Gewalt, u.a. als Reaktion auf gesellschaftliche Stigmatisierung, aber auch weil sie nur unzureichende psychosoziale Unterstützung erhalten.
Keine der z.B. in Deutschland angesiedelten Opferhilfen spricht gezielt lesbische Frauen als Gewaltopfer an.Nach wie vor treffen lesbische Opfer häuslicher Gewalt auf Unverständnis und sogar Ablehnung. Dies birgt die Gefahr der Reviktimisierung (Vgl. Ohms, Müller; 2001). Teilweise werden lesbische Opfer in einigen Notruftelefonen (Frauennotrufe) als „Sonderfälle„ betrachtet und ihnen daher die regulären Möglichkeiten einer Krisenintervention vorenthalten (Ohms, 2007).

Wendet sich eine lesbische Frau an eine Fachberatungsstelle, scheint es auf den ersten Blick diejenige zu sein, die von der Gewalt betroffen ist. Die Praxiserfahrungen zeigen jedoch, dass auch Frauen, die Gewalt ausüben, sich selbst oft als Opfer wahrnehmen. Entsprechend wünschen sie eine „Opferberatung“. Hier ist es wichtig zu beachten, dass eine nur auf das Opfer-Sein ausgerichtete Unterstützung die Selbstwahrnehmung der Frau als „Opfer“ bestärken und dazu beitragen könnte, dass sie so die eigene Gewalttätigkeit rechtfertigt.

Davon zu unterscheiden ist eine lesbische Frau, die Gewalt in ihrer Beziehung erfährt. Lesbische Misshandlungsbeziehungen sind durch einen trizyklischen Verlauf von Spannungsaufbau, gewalttätiger Entladung und Versöhnungsphase gekennzeichnet. Die Gewalt eskaliert immer mehr, beobachtbar ist auch eine zunehmende Häufigkeit und Schwere der Gewalt im Verlauf der Beziehungsdauer. In diesem Gewaltverlauf lassen sich Täterin und Opfer klar unterscheiden: ausschließlich die Täterin übt Gewalt aus, das Opfer versucht, die Gewalt der Partnerin durch ihr eigenes Verhalten zu vermeiden (Monodirektionaler Gewaltverlauf).

Je nachdem, zu welchem Zeitpunkt ein lesbisches Opfer von Beziehungsgewalt eine Anti-Gewalt-Einrichtung oder Fachberatungsstelle aufsucht, stehen unterschiedliche Aspekte im Vordergrund.

Befindet sich die Frau noch in der Gewaltbeziehung oder in der Trennungsphase, ist der aktuelle Gefährdungsgrad zu klären, eine Risikoeinschätzung vorzunehmen und in erster Linie ein Sicherheitsplan zu erarbeiten. In den meisten Fällen eskaliert die Gewalt noch mal mehr, wenn das Opfer die Beziehung verlassen will. Aus diesem Grund braucht sie in dieser Situation besonderen Schutz und Unterstützung.
Häufig wird die Gewalt aber auch nach Beendigung der Beziehung fortgesetzt. Auch in diesem Fall ist die Gefährdung einzuschätzen, eine Risikoanalyse vorzunehmen und Schutzmöglichkeiten in die Wege zu leiten.
Hier nimmt das soziale Netzwerk der Frau eine große Rolle ein. Jedoch leben gerade lesbische Frauen in einer Misshandlungsbeziehung isoliert und haben entsprechend auch kein intaktes Umfeld, welches in der Lage ist, der betroffenen Frau Schutz und Unterstützung zu gewähren.
Oftmals ist die telefonische oder persönliche Suche nach Hilfe und Unterstützung das erste Mal, dass die Frau mit jemandem über ihre Gewalterfahrungen redet. Auch aus diesem Grunde hat das Beratungsgespräch eine stark entlastende Funktion.

Zudem ist es für betroffene lesbische Frauen oftmals hilfreich zu wissen, dass sie nicht die einzigen lesbischen Frauen sind, die Gewalt in ihrer Beziehung erfahren und Opfer von Gewalt sind.

Die Aufklärung über typische Dynamiken in einer Gewaltbeziehung kann entlastend wirken ebenso wie eine Informationsvermittlung über den Verlauf von Hilfsmaßnahmen.

Wichtig ist außerdem, dass das Opfer über konkrete Opferschutz-Einrichtungen informiert wird und dort auch ankommen kann.
Des Weiteren sollte auf lokale lesbische Beratungsangebote hingewiesen werden. Sollten diese nicht vorhanden oder bekannt sein, gibt es in Großstädten telefonische Beratungsmöglichkeiten. 

Zur Grundausstattung einer Einrichtung sollte daher eine entsprechende Verweisdatei mit Adressen anderer Institutionen, Beratungseinrichtungen oder in Einzelpraxis arbeitenden Therapeutinnen gehören. Diese Datei kann neben allgemeinen organisatorischen Angaben wie Adresse, Telefonnummer und Telefonzeiten noch weitere spezifische Informationen enthalten, wie z.B. Methoden, mit denen gearbeitet wird sowie spezielle Erfahrungen in der Arbeit mit gewaltbetroffenen lesbischen Frauen.

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