2. Bi-direktionale Gewaltdynamik

Anneli und Patricia aus Sicht beider Frauen

Die Interviews mit beiden Frauen fanden im Juli 2007 statt. Beide haben seit 1 1/2 Jahren eine Beziehung, wobei sie sich bereits seit ca. 12 Jahren kennen. In dieser Zeit war Patricia verheiratet, begann jedoch eine „Affäre“ mit Anneli, wobei sie betont, dass diese dann „auch schon ernster geworden“ sei. Da Patricia ihre Ehe bedroht gesehen habe, habe sie den Kontakt abgebrochen und ihn erst vor zirka zwei Jahren wieder aufgenommen. Patricia ist seit einem Unfall körperbehindert. Dieser lag erst ein Jahr zurück, d.h. er fand im Zeitraum der Partnerschaft statt. Zuvor sei sie eine „Vollzeit arbeitende Frau mit aller Bewegungsfreiheit“ gewesen. Während Patricia im Finanzsektor tätig war, übt Anneli einen Beruf im sozialen Bereich aus. Anneli ist Ende 30, ihre Partnerin Patricia ist Mitte vierzig.

Beide Frauen beschreiben eigene Gewalttätigkeiten und gewalttätige Handlungen der Partnerin. Die letzte physische Attacke lag zum Zeitpunkt des Interviews zwei Wochen zurück. Rückblickend beschreiben beide Frauen eine Zunahme der Schwere der Gewalt im Verlauf der Partnerschaft. 

Anneli und Patricia beschreiben die letzte gewalttätige Situation wie folgt:

Beide Frauen seien gemeinsam auf einem Straßenfest gewesen. Sie hätten dort „relativ viel“ Alkohol konsumiert. Es sei zu einem Konflikt gekommen, wobei Anneli sich „verlassen gefühlt“ habe. Nach einem Wortgefecht habe das Paar sich entschlossen, nach Hause zu fahren. Allerdings seien sie in dem öffentlichen Verkehrsmittel in unterschiedliche Abteile eingestiegen. Anneli sei nach Hause gegangen, während ihre Partnerin nicht nachgekommen sei. Patricia wiederum berichtet, dass Anneli sie im öffentlichen Verkehrsmittel „alleine gelassen“ habe, weil diese nicht mit nach vorne gegangen sei. Darüber habe sie sie sich derart geärgert, dass sie nicht ausgestiegen, sondern einige Stationen weiter gefahren sei. Anneli habe sie sich „große Sorgen“ gemacht, zumal Patricia körperlich behindert sei. Als Patricia nach zwei Stunden nach Hause gekommen sei, sei es zu einem erneuten verbalen „Schlagabtausch“ gekommen, der eskaliert sei. Schließlich sei sie auf Patricia „losgegangen“; habe sie „geschüttelt“ und „beschimpft“. Beide Frauen hätten sich dann geschlagen, wobei sie „schon aggressiver“ auf Patricia losgegangen sei. Patricia habe daraufhin die Wohnung verlassen. Anneli habe Angst gehabt, sie zu verlieren und sei ihr gefolgt. Sie sei mit in das Taxi eingestiegen, doch der Taxifahrer habe beide Frauen nicht mitgenommen. Entweder er oder Patricia habe die Polizei gerufen, die Anneli einen „Platzverweis“ erteilt habe. Anneli habe diesen jedoch „nicht ernst“ genommen und ist zum Ort des Geschehens zurückgekehrt. Die Polizeibeamten hätten sich vor Patricia gestellt und Anneli habe versucht, sich an diesen „vorbeizudrücken“. Anneli habe schließlich die Beamten attackiert und habe auf sie eingeschlagen und eingetreten. Daraufhin sei sie „gefesselt“ und in die Zelle verbracht worden. Dort habe sie „noch ein bisschen weiter randaliert“, weil sie die Auffassung gewesen sei, dass ihr „Unrecht“ angetan werde. Zum Zeitpunkt des Interviews ist ein Gerichtsverfahren anhängig. Beide Frauen überlegen, wie sie dieses von Anneli abwenden können.
Anneli berichtet, dass sie sich in der Auseinandersetzung mit ihrer Partnerin „ausgeliefert“ gefühlt habe, da diese komme und gehe und einfach tue, was sie wolle. Zugleich habe sie Angst gehabt, ihre Partnerin zu verlieren. Beide Äußerungen können als Wahrnehmung eines Kontrollverlusts gelesen werden. Anneli beschreibt sich derart, dass Eifersucht bei ihr „ein großes Thema“ sei. Sie begründet ihre Eifersucht mit ihrer Unsicherheit gegenüber Patricia. Sie habe diese anfänglich als „sprunghaft“ wahrgenommen und habe kein Vertrauen in die Partnerschaft. Das mangelnde Vertrauen begründet sie mit dem späten Coming-out von Patricia. Sie habe Patricia wiederholt mit ihrer Befürchtung „sehr stark konfrontiert“. Es liegt die Vermutung nahe, dass diese Umschreibung einen damit möglichen schwerwiegenden Konflikt in ein milderes Licht rücken soll und sie die Bestätigung ihrer Wahrnehmung immer wieder in ihrer Partnerin Patricia sucht. Patricia habe sich aber angegriffen und verletzt gefühlt und sei sehr verzweifelt gewesen.
Nachfolgend erzählt Anneli, dass sie im vergangenen Jahr nicht weiter gewalttätig gewesen, es aber zu Übergriffen seitens Patricia gekommen sei. Vor etwa drei Monaten sei es zu einem Streitgespräch über ihre Eifersucht gekommen, in der wiederum Patricia Anneli physisch attackiert habe. Anschließend beschreibt sie die Situation derart, dass „beide unheimlich aufeinander losgegangen“ seien. Sie wisse nicht mehr, wer zuerst zugeschlagen habe. Beide Frauen hätten Hämatome davongetragen. In einer anderen Situation, die nur einen Monat zurücklag, habe Patricia auf einem öffentlichen Fest Gläser nach ihr geworfen. Anneli sei von der Intensität von Patricias Aggression ihr gegenüber überrascht gewesen. Sie habe nicht damit gerechnet, dass Patricia in der Öffentlichkeit ihre Kontrolle verlieren würde. Aber auch schon zuvor habe Patricia immer wieder geschlagen, „um sich geschlagen“ oder ihr in den Finger oder ins Bein gebissen und ihr Haare ausgerissen. Anneli beschreibt Patricias Übergriffe als „impulsive Ausbrüche“, von denen sie dachte, dass sie diese kontrollieren könne, „ich bekomme das irgendwie hin, kriege das in den Griff“. Diese Äußerung lässt vermuten, dass sie der Auffassung war, das Verhalten ihrer Partnerin kontrollieren zu können. Mit dieser Auffassung geht ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber Patricia einher.
Weiterhin erzählt Anneli, dass sie sich ob ihres gewalttätigen Verhaltens schämt und nur denjenigen Freundinnen ausführlich von ihrem Tun erzählt habe, die „verständnisvoll“ reagiert hätten. Den anderen gegenüber habe sie das „natürlich nicht so detailliert“ geschildert, „da diese ganz andere Lebenszusammenhänge“ hätten. Das lässt vermuten, dass Anneli sich des Unrechts ihres Tuns bewusst ist und sich einer kritischen Würdigung entzieht, indem sie entsprechend auswählt, wem sie was erzählt.

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