1. Mono-direktionale Gewaltdynamik

Margarethe und Susanne aus Sicht von Margarethe

Das Interview fand im November 2002 statt, wobei Margarethe befragt wurde. Margarethe und Susanne haben eine annähernd zehn Jahre andauernde Partnerschaft, in der Susanne von ihrer Partnerin wiederholt misshandelt wird. Die überwiegend physischen Übergriffe haben bereits ca. ein halbes Jahr nach Beginn der Partnerschaft eingesetzt und erfolgten anfänglich jedes zweite bis dritte Wochenende. Die Frauen haben einen gemeinsamen Sohn, der zum Zeitpunkt des Interviews ca. fünf Jahre alt ist. Margarethe ist in einem Land mit einer sozialistischen Gesellschaftsordnung aufgewachsen, während Susanne aus Westdeutschland stammt. Nach Aussage von Margarethe sind ihre Übergriffe mit der Geburt des Kindes seltener geworden. Ungefähr zeitgleich mit dessen Geburt begann sie eine zweite Beziehung, die sie als „Affäre“ bezeichnet und ihrer Partnerin nach wie vor verschweigt. Die Partnerschaft befindet sich zum Zeitpunkt des Interviews in der Trennungsphase; sie beendete daher ihre „Affäre“, weil sie glaubt, dadurch ihre Partnerin halten zu können.

Margarethe bezeichnet sich anfänglich als Täterin. Das Interview ist geprägt von ihrem Bemühen, ihr gewalttätiges Verhalten sich und anderen zu erklären. Dabei sucht sie die Gründe für ihre Gewaltausübung vor allem im Verhalten ihrer Partnerin. Sie sieht diese in Susanne’ Eifersucht und in der von ihr empfundenen mangelnden Wertschätzung. Auch nimmt sie ihre Partnerin als egoistisch, respektlos und rücksichtslos wahr. Zudem wünscht sie sich von Susanne Zuwendung in Form einer umfassenden mütterlichen Fürsorge und Geborgenheit, die ihr aber ihrem Empfinden nach versagt bleibt.

Im Verlauf des Interviews wird deutlich, dass Margarethe von Beginn ihrer ersten Partnerschaft an gewalttätig war. Hier wiederum führt sie als Grund ihre eigene Eifersucht an, die Ausdruck ihrer Angst ist, ihre Partnerin zu verlieren. Margarethes Lebensgeschichte offenbart verschiedene Aspekte, die ihr gewalttätiges Verhalten befördert haben können: So sind ihre Eltern sehr früh verstorben, ihr Vater starb, als sie neun Jahre alt war, ihre Mutter, als sie 13 war. Margarethe lässt keine Wut auf ihre Eltern zu, sie so früh alleine gelassen zu haben, sondern idealisiert stattdessen ihre Kindheit. Auch war sie ab dem 13. Lebensjahr ihrer Auffassung nach mehr oder weniger auf sich alleine gestellt. Es wurden ihr später keine Grenzen gesetzt, weder durch ihre Lebensgefährtinnen noch durch die Ärzte, die zumindest eine ihrer Partnerinnen im Krankenhaus medizinisch versorgt haben; auch zeigt ihr Freundeskreis Verständnis für ihr gewalttätiges Verhalten. Margarethe ist darüber entrüstet, was als Ausdruck ihres Wunsches gelesen werden kann, diese mögen elterliche Aufgaben übernehmen und ihr eine Grenze setzen.

Durch den frühen Tod der Eltern ist Margarethe jene mütterliche Fürsorge entgangen, von der sie nun hofft, diese in ihren Beziehungen zu finden. Sie möchte umfassend geliebt werden –  auch mit ihrer gewalttätigen Seite. Zugleich schämt sie sich für ihre Gewalttätigkeit und hat Schuldgefühle. Das Interview ist dementsprechend zwiespältig: Margarethe sieht ihre Gewalttätigkeit durch das Verhalten von Susanne als begründet an und schämt sich zugleich für ihr Tun.

Neben der emotionalen Vernachlässigung, verursacht durch den frühen Tod ihrer Eltern, zeichnet sich ein weiterer lebensgeschichtlicher Aspekt ab, der die Gründe für ihr gewalttätiges Verhalten erhellen könnte: Margarethe erlebte in dem Konflikt zwischen ihrem homosexuellen Bruder und ihren Eltern deren massive ablehnende Haltung gegenüber Homosexualität. Der Konflikt mündete im Rauswurf ihres Bruders aus dem Elternhaus. Sie erzählt, dass sie ihre lesbischen Beziehungen anfänglich verheimlicht hat und auch eine ihrer früheren Partnerinnen ihre gleichgeschlechtliche Partnerschaft verschleierte, was ihre Befürchtung, ihre Partnerin verlieren zu können, bestärkte. Es liegt die Vermutung nahe, dass sie die Ablehnung ihrer Eltern verinnerlicht hat und sich für ihre Lebensweise schämt. Margarethe versucht, ihrer Scham entgegenzuwirken, indem sie eine möglichst „normale“ Beziehung leben möchte, wobei sich ihre Vorstellung von Normalität stark an heterosexuellen Beziehungsmodellen orientiert. Da sie ihren Part in diesem Beziehungsmodell eher in der Übernahme von vor allem „männlich/väterlich“ besetzten Aufgaben sieht, kann sie ihr Bedürfnis nach Fürsorge und Geborgenheit nicht hinreichend verwirklichen, was zu Enttäuschungen führt. Margarethe versucht schließlich, ihre idealisierten Vorstellungen von Familie und die damit einhergehenden Erwartungen an ihre Partnerin mittels Gewalt durchzusetzen. Diese Idealisierung ist es auch, die sie in der Beziehung hält und die sie daran hindert, ihre Partnerschaft zu Susanne als gescheitert zu betrachten. Letztlich hält sie nicht an der Beziehung, sondern an ihrem Idealbild fest.

Die Betrachtung der gewalttätigen Begebenheiten zeigt, dass den Taten Gefühle von Ohnmacht, Machtlosigkeit und Verzweiflung vorausgehen. Während der Tat nimmt Margarethe sich dann als machtvoll wahr und hat das Gefühl, die Kontrolle über das Geschehen und ihre Partnerin zu erlangen. Sie sagt, dass sie mit Hilfe der Gewalt erreicht habe, dass diese nun das tue, was sie von ihr erwartet habe, d.h. ihre Partnerin sich nun fügt. Nach der Tat fühlt sie sich jedoch „schlecht“ und zeigt Gefühle von Schuld und Scham, wobei sie eine Verletztheit „auf beiden Seiten“ wahrnimmt. Diese Beschreibung lässt vermuten, dass sie die Gewalt nicht nur als zerstörerisch, sondern auch als selbstzerstörerisch wahrnimmt. Ihre entpersonalisierte Darstellung der Gewalt wiederum legt nahe, dass sie ihr gewalttätiges Verhalten nicht als Teil von sich betrachtet und sich diesem hilflos ausgeliefert sieht. Da Margarethe glaubt, dass ihre Partnerin durch ihr Verhalten die Gewalt evoziert, ist sie auch der Auffassung, dass es zu keinen weiteren Übergriffen käme, wenn diese ihre Verhalten ändern würde. Margarethes Beschreibung der gewalttätigen Situationen, dass sich beide Frauen geprügelt hätten, lässt vermuten, dass sie ihre Partnerin in der Situation als gleichermaßen Beteiligte erachtet. Sie betrachtet sich daher nicht nur als Täterin, sondern auch als Opfer und dementsprechend Susanne nicht nur als Opfer, sondern auch als Täterin. Ihre negative Beschreibung von Susanne reflektiert vornehmlich ihre Wahrnehmung von dieser und lässt aber ihr Verhalten zugleich in einem milderen Licht erscheinen.

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